Hürlimanns Heimkehr

Herbst ist Erntezeit, auch in der Literatur. Die Schweizer Autoren präsentieren sich vielversprechend.

Autor Thomas Hürlimann ist zurück – mit seinem neuen Roman. Am 29. August erscheint «Heimkehr». Bild: Keystone

Autor Thomas Hürlimann ist zurück – mit seinem neuen Roman. Am 29. August erscheint «Heimkehr». Bild: Keystone

Martin Ebel@tagesanzeiger

Vier Jahreszeiten sieht die Natur für Mitteleuropa vor, nur zwei Saisons kennt die Buchbranche: Frühjahr und Herbst. Letztere gilt als die wichtigere, wegen der Frankfurter Buchmesse, des Deutschen Buchpreises und des Weihnachtsgeschäfts. In der Schweiz noch wegen des Schweizer Buchpreises. Im Frühling sind mit «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» von Peter Stamm und «Eine dieser Nächte» von Christina Viragh zwei starke Kandidaten erschienen, an der eigentlich keine kundige Jury vorbeigehen kann. Traditionell ziehen im Herbst aussichtsreiche Konkurrenten nach.

Der Bücherherbst beginnt immer früher, nämlich im Juli. «Hier ist noch alles möglich», heisst es schon am 13., wenn der gleichnamige Roman von Gianna Molinari erscheint (Aufbau-Verlag). Die 30-jährige Baslerin gewann im vergangenen Jahr mit einem Auszug daraus in Klagenfurt den 3sat-Preis. Darin sieht eine Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik auf ihrem Überwachungsmonitor seltsame, verwirrende Dinge.

Ebenfalls im Juli ist Adolf Muschg zur Stelle: Der 84-jährige legt den Roman «Rückkehr nach Fukushima» (C. H. Beck) vor, in dem er auf seine umfassende Japan-Expertise zurückgreifen kann. War es im Vorgängerbuch, dem «Weissen Freitag», Goethe, auf dessen Spuren der Erzähler durchs Gebirge ging, so hat der Held des neuen Romans Adalbert Stifter im Gepäck – «den Langweiler», wie seine Frau kommentiert. Paul, Architekt und Philosoph, ist aber süchtig nach dessen Prosa, und so schiebt Muschg immer wieder Stifter-Passagen in seine Japan-Episode ein. Paul soll die Errichtung eines Künstlerdorfs in der verstrahlten Zone begutachten. Dabei begleiten ihn also ein Geigerzähler und die zierliche Japanerin Mitsuko, der er – na, was sonst? – näherkommt. Aber natürlich auf besondere, eben muschgsche Weise.

Die wichtigsten Dinge

Meral Kureyshi gehört mit 35 noch zum literarischen Nachwuchs, ihr erster Roman «Elefanten im Garten» wurde aber bereits in etliche Sprachen übersetzt. «Fünf Jahreszeiten» heisst der zweite, laut Verlagsankündigung «ein Roman über die wichtigsten Dinge im Leben: Freundschaft, Liebe, Arbeit». Kurzfristig wurde das Erscheinungsdatum auf das nächste Frühjahr verschoben.

Alex Capus ist «der Meister faktenreichen Träumens», findet jedenfalls sein Verlag Hanser. Dort erscheint am 20. August in der mutigen, aber sicher gut kalkulierten Auflage von 75 000 eine Liebesgeschichte, die ins 18. Jahrhundert und an den Hof Ludwigs XVI. führt. Ein Knecht aus dem Greyerzerland und eine reiche Bauerntochter, ob das was werden kann? Capus, dessen letztes Buch ja «Das Leben ist gut» hiess, wird es sicher richten.

Die grössten Erwartungen dieses Literaturherbstes richten sich auf Thomas Hürlimann, dessen lang angekündigter und wegen Krankheit immer wieder verschobener Roman «Heimkehr» nun endlich am 29. August erscheint. Der letzte, «Vierzig Rosen», liegt schon zwölf Jahre zurück. Nach einem Unfall wacht Heinrich Übel, ein notorischer Pechvogel, in einem Hotel auf Sizilien auf und erlebt sich dort als ein ganz anderer. Was ist geschehen, hat er oder hat sich die Welt geändert? Und wie handelt Hürlimann seine Lebensthemen im neuen Buch ab? Gründe, das Buch aufzuschlagen, gibt es genug.

Ausser (Preis-)Konkurrenz, aber zweifellos lesenswert sind zwei Briefausgaben: eine Auswahl aus der Korrespondenz Elias Canettis (Hanser, 24. 9.) und eine dreibändige Ausgabe der Briefe von Robert Walser (Suhrkamp, 16. 10.). Schweizer Literaturfreunde, die kurzen Tage können kommen!

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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