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Grosses Herz für Dinosaurier und Ausserirdische

Sein Roman «Fahrenheit 451» nahm virtuelle Realität und Political Correctness vorweg. Doch Ray Bradbury ist mehr als ein Sciencefiction-Autor.

Es gibt zwei Fragen, vor denen jedem Autor graut: «Warum schreiben Sie?» und «Wo haben Sie nur immer diese Ideen her?». Ray Bradbury hatte nie ein Problem damit. Auf die erste Frage antwortet er: «Weil mich als Zwölfjährigen ein Zauberer auf einem Jahrmarkt mit seinem Schwert berührte und sagte, ich solle ewig leben. Seither schreibe ich jeden Tag.»

Für die zweite muss er etwas weiter ausholen. Um die vorletzte Jahrhundertwende wurde an der kalifornischen Küste ein Ort gebaut, der Touristen anziehen sollte: Die Häuser sahen pseudoitalienisch aus, es gab Kanäle wie in Venedig, und so nannte man den Ort denn auch Venice. Als im Jahr 1942 der 22-jährige Ray Bradbury dorthin zog, war vom früheren Glanz nichts mehr übrig: In den Kanälen stagnierte schwarzes Wasser voller Müll, den Pier mit seinen drei Achterbahnen, den Tanzsaal und die Arkaden hatte man verrotten lassen.

Feuerwehrmänner des Bösen

1947 ging der mittlerweile verheiratete Bradbury mit seiner Frau Maggie nachts am Strand spazieren. «Nebel kam auf, ich sah die alte Achterbahn auf ihrer Seite liegen, ihre Knochen im Sand und im Wasser, und der Wind blies über ihr Skelett. Ich sagte zu Maggie: Warum liegt dieser Dinosaurier wohl hier am Strand?» Wenige Nächte später erwachte Bradbury in der Nacht und hörte das traurige Brüllen eines Nebelhorns. «Da wusste ich die Antwort: Als der Dinosaurier das Nebelhorn hörte, glaubte er, es sei ein Artgenosse, auf den er seit einer Million Jahre wartete. Er schwamm in die Bucht, doch als er erkannte, dass da nur ein Leuchtturm mit seinem Nebelhorn war, starb er am Strand an gebrochenem Herzen.»

So entstand Bradburys Erzählung «Das Nebelhorn», die zu seinen berühmtesten gehört und sich heute in «Ausgewählte Erzählungen» findet. Diese sind soeben bei Diogenes erschienen, zusammen mit der dreibändigen «Space Opera», welche «Die Mars-Chroniken», «Der illustrierte Mann» und «Fahrenheit 451» in revidierten Übersetzungen, garniert mit neuen Vor- und Nachworten, umfasst. Wer bei letzterem Titel stutzt und an die Filmer Michael Moore oder auch François Truffaut denkt, liegt richtig, doch Bradbury war zuerst da.

In den Fünfzigerjahren tobte in den USA die antikommunistische Hexenjagd unter McCarthy. 1953 erschien Bradburys erster Roman, «Fahrenheit 451». Auf der Mottoseite wird der Titel erklärt: «451 Fahrenheit (232 Celsius): der Hitzegrad, bei dem Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt.» Der Roman spielt in einer Zukunft, in der Häuser feuersicher sind. Feuerwehrmänner haben deshalb eine andere Aufgabe als heute: Sie verbrennen Bücher, da diese verboten sind. Der Grund: Bücher regen zum Denken an, und Denken macht unglücklich.

Stattdessen haben die Leute wandgrosse Fernsehschirme, auf denen Soaps laufen, bei denen man mitspielen kann, wenn man genug Sammelmarken eingesandt hat. Natürlich wirken manche der technischen Details heute etwas altbacken, doch das Erstaunliche überwiegt: Mit «Fahrenheit 451» hat Bradbury Virtual Reality, Neil Postmans «Wir amüsieren uns zu Tode», die Debatte über Political Correctness und den religiös begründeten Fundamentalismus jeglicher Couleur vorweggenommen.

Man feiert Bradbury immer wieder als Sciencefiction-Autor, doch er selbst lässt die Bezeichnung nur für diesen einen Roman gelten. Gefragt, als was er selbst sich sehe, antwortete er 1997: «Ich bin ein Metaphernsammler.» Das ist er in der Tat: Denn egal, ob er in «Löwenzahnwein» seine Kindheit in der Stadt Waukegan ins Fantastische steigert, mit «Der Tod ist ein einsames Geschäft» einen Krimi in der Chandler-Nachfolge schreibt oder sich im erwähnten «Nebelhorn» in einen liebeskranken Dinosaurier hineinversetzt: Alle Bradbury-Texte strotzen dermassen von Metaphern, dass man bei der Lektüre das Gefühl bekommen kann, sich überessen zu haben.

Sein Meisterwerk sind immer noch «Die Mars-Chroniken», Erzählungen, die er durch ihre Abfolge und verbindende Kurztexte zu einer Art Roman zusammengebaut hat. Auch wenn gleich der erste Text «Raketen-Sommer» heisst - für den «Science»-Aspekt der Sciencefiction hat sich dieser Autor nie interessiert. Ja, im richtigen Leben ist er geradezu technophob: Er kann nicht Auto fahren, bestieg mit 62 erstmals ein Flugzeug und besass zwar kurze Zeit einen Computer, verlässt sich aber lieber auf seine Schreibmaschine.

Die Eroberung des Mars

In den 1950 erstmals erschienenen «Mars-Chroniken» beschreibt Bradbury die Kolonisierung des Mars analog zur Kolonisierung des Wilden Westens rund zweihundert Jahre vorher: Mal erleben wir sie aus der Sicht der Menschen, die von einer Erde flüchten, die durch Atomkriege verwüstet ist. Mal erleben wir sie aus der Sicht der Marsbewohner, die sich, je nachdem, auf die Neuankömmlinge freuen oder aber raffinierte Tricks ersinnen, um diesen den Garaus zu machen.

Zu den Höhepunkten gehören «Die Dritte Expedition», worin die Menschen von der Erde auf dem Mars liebe Verstorbene wiederfinden. Und dann vor allem « . . . so hell des Mondes Pracht»: Darin stellt sich der zur vierten Expedition gehörende Archäologe vor, dass schon bald leere Konservenbüchsen in die stolzen Marskanäle geschmissen und Zeitungen über die einsamen grauen marsianischen Meeresgründe tanzen und rascheln werden, zu schweigen von Bananenschalen und Picknickmüll in den verästelten Ruinen der alten marsianischen Talstädte. Die Vorstellung deprimiert ihn dermassen, dass er seine Kameraden zu hassen beginnt und sich zu einer Verzweiflungstat entschliesst. Das ist keine Sciencefiction, sondern einfach grosse Literatur.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451; Der illustrierte Mann; Die Mars-Chroniken als «Space Opera» in einem Schuber. Diogenes, Zürich 2008. 928 S., ca. 68 Fr.

Ray Bradbury: Ausgewählte Erzählungen. Diogenes, Zürich 2008. 661 S., ca. 36 Fr.

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