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Gerron, der Lügner

Inszenierung im Durchgangslager: Der Zürcher Autor Charles Lewinsky hat mit «Gerron» einen beeindruckenden Roman über den deutsch-jüdischen Regisseur Kurt Gerron geschrieben.

Genialer Erzähler: Der Zürcher Autor Charles Lewinsky (65).
Genialer Erzähler: Der Zürcher Autor Charles Lewinsky (65).
zvg

Kurt Gerron, geboren am 11.Mai 1897, ist ein guter Lügner. Als Junge spielt er in Berlin «Troja erobern» – er als Achill, sein Freund Kalle als König Menelaos. Als Student mimt er den Kriegshelden für seine rechtschaffenen Eltern, als er verwundet von der Front heimkehrt. Als Regisseur bei der Universal-Film-Aktiengesellschaft (Ufa) lügt er mit Happy Ends die Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit weg. Als Gefangener soll er 1944 in Theresienstadt das letzte Mal Regie führen. In einem Propagandafilm hat er das tschechische Durchgangslager als Paradies auf Erden darzustellen. Der Auftrag rettet ihn nicht. Kurz vor Kriegsende werden Gerron und seine Frau in Auschwitz ermordet.

Berühmtheit und Macht

Dies ist in groben Zügen die Geschichte des deutsch-jüdischen Künstlers Kurt Gerron. Seinen ursprünglichen Namen Gerson legte er ab, als er in den 1920er-Jahren berühmt wurde. Der Schauspieler, Kabarettist und Sänger hatte legendäre Auftritte in «Der blaue Engel» von Josef von Sternberg und der «Dreigroschenoper» von Bertolt Brecht. In seinen über 20 Jahren Regie- und Schauspielarbeit haben sich Berge von Material angesammelt, deren sich Charles Lewinsky in seinem neuen Roman angenommen hat. Aus biografischen und historischen Daten hat der 65-jährige Zürcher Schriftsteller das Gerüst für «Gerron» gezimmert.

In Lewinskys Roman «Melnitz» (2006) standen noch mehrere Generationen einer jüdischen Familie in der Schweiz im Zentrum. In «Gerron» lässt Lewinsky eine bekannte Figur des Showbusiness sein Leben Revue passieren. Gerron, Mitte 40, geht mit seiner Vergangenheit hart ins Gericht. Und doch ist diese alles, was seine Identität ausmacht. «Wir hatten unseren Aufstieg gemeinsam, die Nazis und ich. Ich wurde berühmt, sie kamen an die Macht. Das eine war schuld, dass ich das andere nicht bemerkt habe», bilanziert er. Solch groteske Parallelen rütteln auf. Bemüht wirken hingegen gewisse Eulenspiegeleien mit der Figur und ihrem Beruf. So schiebt Gerron bei Lewinsky die üble Degradierung vom Star zum Niemand auf einen launischen «Himmelsdramaturgen».

Die Inszenierung, das Jemandem-etwas-Vormachen funktioniert in «Gerron» auf unterschiedlichen Ebenen, ähnlich wie im Roman «Jakob der Lügner» (1969) von Jurek Becker. Da ist zum einen die Massenmanipulation durch die Nazis. Zum anderen gibt es die Fantasie, die Gerron einmal als «Flucht im Kopf» bezeichnet. Er denkt sich in Zeiten zurück, als seine Ufa-Autogrammkarten weggingen wie warme Brötchen. Und schon befinden wir uns in der Welt der Showsternchen der 1920er- und 1930er-Jahre. Dabei ist allerhand Tratsch zu vernehmen über Bertolt Brecht, Marlene Dietrich und Co. Manche dieser Anekdoten haben Längen, andere bringen mit Tempo und Witz düstere Machenschaften ans Licht.

Weltgeschichte im Alltag

Mit Unbehagen liest man indes von Abgründen und Angst, Wahnsinn und Tod in Theresienstadt, wo Gerron das Kabarett Karussell bespielt. Amtsdeutsch kontrastiert hier Gerrons unverblümte Sprache. Dramaturgisch klug komponiert ist auch das Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lewinsky, der zuletzt das Drehbuch zu «Gotthelf – das Musical» schrieb, ist ein genialer Erzähler, der nicht um die Sache herumredet. Krieg ist Krieg, und Krieg ist sinnlos.

Diese kompromisslose Haltung spiegelt sich auch im lakonischen Ton, mit dem Lewinsky das zersplitterte Europa während der Weltkriege beschreibt. Gerrons Biografie führt an diverse Schauplätze, wobei man sich den übergeordneten historischen Zusammenhang selber anlesen muss. Es sind eher die aus dem All-tag gerissenen Existenzen, die Lewinsky interessieren. Kleine Gesten zeugen von innerer Zerstörung: «Ich weiss nicht, was Papa in Berlin zugestossen ist. Ich glaube nicht einmal, dass es etwas Spektakuläres war. Aber als er zurückkam, war etwas in ihm kaputtgegangen. Zerbrochen. Ein gebrochener Mann», erinnert sich Gerron an seinen Vater im holländischen Exil. Manchmal denkt er aber auch an die seltenen, glücklichen Momente abseits des Scheinwerferlichts. Zum Beispiel, als sein Grossvater ihm mit abstrusen Geschichten die Welt erklärte.

Das Dilemma des Regisseurs

Einmal erzählte er die Geschichte vom Riesen, der sich für den grössten Riesen der Welt hielt und darob nicht bemerkte, dass ihn ein Zauberer mit einem verfluchten Orden schrumpfen liess. «Jetzt gab es den Riesen nicht mehr. Nur sein Orden lag noch da. Aber der Schriftzug hatte sich verändert, das gehörte auch zu dem Zauber. Jetzt stand darauf: Ich war einmal ein Riese.» Derartig bleibt auch Gerron nach der Lektüre dieses eindrücklichen Romans im Gedächtnis haften: Ein einst begnadeter Regisseur verliert wegen seiner Herkunft beinahe alles. Was ihm bleibt, ist seine Frau Olga, eine unverbesserliche Optimistin. Und eben das Filmemachen, was ihn in ein Dilemma bringt. Warum Gerron am Ende den Film drehte, kann auch Lewinsky trotz akribischer Recherche nur vermuten.

Charles Lewinsky:«Gerron». Roman, Nagel&Kimche, 544 Seiten. Ab 29.8. im Handel.

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