Gelegenheit macht Liebe

Zuerst Sex, dann Gefühle. Unser Paarungsverhalten erlebt einen grundsätzlichen Wandel. Es unterwirft sich dabei kapitalistischen Gesetzen, schreibt die Soziologin Eva Illouz.

Wie lange hält das? So schnell Beziehungen beginnen, so schnell können sie auch wieder enden. Foto: Igor Ustynskyy (Getty Images)

Wie lange hält das? So schnell Beziehungen beginnen, so schnell können sie auch wieder enden. Foto: Igor Ustynskyy (Getty Images)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich die israelische Soziologin Eva Illouz mit den «Gefühlen in Zeiten des Kapitalismus», wie eines ihrer Bücher heisst. Im Zentrum ihrer empirisch gestützten Arbeit steht die These, dass sich das, was wir für unser Eigenstes, Innerstes und Persönlichstes halten, gesellschaftlich geprägt und bestimmt, mitunter sogar determiniert ist. Dies belegt die Wissenschaftlerin damit, dass sich mit dem Wandel der ökonomischen Verhältnisse auch die Gefühle ändern. So empfinden wir das, was im 19. Jahrhundert Inbegriff der Romantik war, keineswegs mehr als romantisch. Der kapitalistische Wettbewerb, der die Qualität des Angebotsgesteigert hat, veränderte auch das emotionale Leben, wie Eva Illouz in ihrer grossartigen Studie «Der Konsum der Romantik» (1997) an konkreten Beispielen aufgezeigt hat.

Verlockende Alternativen

Das neue Buch, «Warum Liebe endet», untersucht einen für westliche Gesellschaften aufschlussreichen Wandel im Paarungsverhalten: Ging es bis in die jüngste Vergangenheit darum, wie man schrittweise eine Beziehung anbahnt und aufbaut – von der Offenbarung der Gefühle bis zum ersten Sex und einer gemeinsamen Zukunft mit Kind und Kegel –, so stellt man heute eine radikale Umkehr im Bereich der Liebe und Sexualität fest.

«Der Geschlechtsverkehr, der zuvor am Ende der Erzählung vom Liebeswerben stand, markiert nun den Beginn der Geschichte», schreibt Eva Illouz. Erst nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht mit einer Person, die man etwa auf Tinder kennen gelernt hat, werden Gefühle ausgetauscht. Das Peinliche ist nicht mehr der Sex, der ist ubiquitär und austauschbar; das Peinliche sind nun die Gefühle.

Die weit verbreitete Praxis des «Gelegenheitssex», zu dem sich Frauen und Männer in den Interviews bekennen, macht einer ganz neuen Entwicklung Platz: Das Flüchtige und Flüssige soll sich nicht mehr in etwas Stabiles und Festes verwandeln, sondern den Charakter des Vorübergehenden bewahren. Der Gedanke, wie man jemanden wieder los wird, um andere attraktive Gelegenheiten zu ergreifen, ist wichtiger als jener, wie man ihn festhält. Die sozialen Medien offerieren eine breite Palette mit verlockenden Optionen.

Totale Unverbindlichkeit

Viele der befragten Paare, die sich über den schnellen Gelegenheitssex kennen, aber nicht unbedingt lieben gelernt haben, wollen keine dauerhafte Beziehung eingehen. Die «Fickfreunde», die beim ersten Date häufig nicht einmal den Namen des anderen wissen, haben nicht die herkömmliche Ehe im Blick, sondern die Verlängerung der lustbetonten, frei schwebenden Existenz.

Diese individuelle Freiheit äussert sich in konsequenter Unverbindlichkeit und dem damit verbundenen Willen, sich nicht zu binden. «Schluss zu machen, ist ein integraler Bestandteil einer Kultur, in der Menschen schnell überholt sind und durch andere Partner ersetzt werden.» Auf die schnelle Wahl kann genauso schnell die Abwahl folgen. Von Ungewissheit getriebene Verhältnisse, denen jederzeit das Ende droht, bezeichnet Illouz als «negative Beziehungen».

«Warum Liebe endet» handelt von den neuen Strategien, sich auf dem nach kapitalistischen Gesetzen funktionierenden digitalen Beziehungsmarkt als attraktives Produkt und begehrenswerte Marke zu behaupten. Das Begehren der anderen (Nachfrage) bestimmt den Wert des Individuums (Anbieter). Da das Bild zentral für die Präsentation ist, wird die Körperlichkeit und Sinnlichkeit betont. Auch die alte, nach traditionellen Erzählmustern gestrickte Ehe kommt unter Druck angesichts der Tatsache, dass sich immer mehr ältere Menschen auf den neuen Plattformen tummeln.

Besorgt stellt Eva Illouz fest, dass wir das Beziehungsleben den «Tentakeln der Macht des Kapitalismus» aussetzen. Auf «sexuellen Märkten, die wettbewerbsorientiert sind», verspielten wir unsere Handlungsfreiheit. Analog zur freiwilligen Offenlegung unserer privaten Daten vereinnahmt das Konsumdenken die Sphäre der Liebe: Da der Wert des Ich wie der Börsenkurs schwankt, definieren wir uns zunehmend als «ökonomisches Selbst». Wer leer ausgeht auf dem eitlen Markt, wird sich auch so fühlen – und mit diesem Gefühl auch einsam bleiben, weil der anonyme Markt keinen Trost spendet.

Soziologischer Jargon

Man möchte «Warum Liebe endet» uneingeschränkt loben, wäre da nicht der schwer verständliche Wissenschaftsjargon. Auch wenn Illouz mehrmals den Soziologen Niklas Luhmann zitiert, scheint sie sich, zumindest stilistisch, seine These von der Reduktion der Komplexität nicht zu Herzen genommen zu haben. «Während wir uns in eine Individualität, Emotionalität und Innerlichkeit zurückziehen, die uns als Schauplätze der Selbstermächtigung erscheinen mögen, schaffen und erfüllen wir ironischerweise gerade die Voraussetzung einer ökonomischen und kapitalistischen Subjektivität, die die soziale Welt fragmentiert und ihre Objektivität unwirklich werden lässt.» Alles klar?

Auch wenn sich vieles einfacher und zugänglicher formulieren liesse – an der Brisanz des Befundes ändert sich nichts: Stärker als in früheren Zeiten sind wir gerade dabei, unsere Liebesbeziehungen dem Diktat des Marktes zu unterwerfen – und das aus freien Stücken, ganz ohne Diktator.

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