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Ganz schön eigenwillig, die Finninnen

Finnland feiert 100 Jahre Unabhängigkeit. Die ­Finnen gelten als schweigsam, umso wortgewaltiger sind ihre Schriftstellerinnen. Vorhang auf für Katja Kettu und Co.

Ungeschönt poetisch: Die finnische Autorin Katja Kettu hat ein sprachliches Kunstwerk geschaffen.
Ungeschönt poetisch: Die finnische Autorin Katja Kettu hat ein sprachliches Kunstwerk geschaffen.
pax / Ofer Amir

Eigenständigkeit will gelernt sein. Dazu gehört auch ein gutes Stück Selbstbewusstsein. Gilt dies für ein Land und seine Menschen? Finnland ist erst gerade seit 100 Jahren unabhängig. Bis ins Jahr 1917 war es als Gross­fürstentum Finnland Teil des russischen Reichs. Vor 1809 ­gehörte es 650 Jahre lang zu Schweden.Im Kalten Krieg nahm das Land eine Sonderstellung im Spannungsfeld zwischen den Blöcken ein.

Es hatte sich zwar seine Unabhängigkeit und die liberale Wirtschaftsordnung bewahrt, die Sowjetunion behielt aber grossen Einfluss auf die ­finnische Politik. Finnland verfolgte strikte Neutralitätspolitik, schloss aber mit der Sowjetunion ein Kooperationsabkommen, das bis zum Ende der Sowjetunion in Kraft blieb. Diese Politik des vorauseilenden Gehorsams wirft die Frage auf, ob es die finnische Identität überhaupt gibt. Und wie es um das Selbstbewusstsein seiner Landsleute steht.

Faszination und Grauen

So ist dieses Land: zwischen Traum und Wachen. Dies schreibt die 39-jährige finnische Autorin Katja Kettu in ihrem Roman «Feuerherz». Und genau so ist ihr vierter Roman: eine Gratwanderung zwischen Faszination und Grauen. Dass die aktuelle Politik auf einem Pakt mit dem Teufel gründet, kann im Grunde nicht in Zweifel gezogen werden. Katja Kettus Roman ist in diesem Zusammenhang die abenteuer­liche Version der Geschichte des russischen Machthabers. Der Wahrheitsgehalt ist zweitrangig.

Wahr und dokumentiert sind die unzumutbaren Zustände im Straflager Workuta, wo der eine Handlungsstrang des Romans spielt und in all seinen entsetz­lichen Nuancen von der Autorin schonungslos beschrieben wird. Einzig das Bündnis mit den dunkelsten Mächten lässt an diesem Ort zumindest die vage Hoffnung auf das Fortbestehen des Lebens zu.

Freundschaft und Folter

Es ist die Geschichte der 15-jährigen Irga, die erzählt wird. Sie flüchtet im Jahr 1937 auf Skiern von Lappland über die Grenze in die Sowjetunion, um sich dort mit ihrem Geliebten, einem russischen Agitator, von dem sie schwanger geworden ist, zusammenzutun. Doch er übergibt sie der Staatsmacht, und die weist sie als politisch motivierte Delinquentin ins Straflager ein, wo sie für 25 Jahre ihre Strafe zu verbüssen hat.

Was nun folgt, ist ein grauenhaftes Kapitel der russischen Geschichte, eingebettet darin die Themen Freundschaft und Folter, Bündnisse und Brutalität, Vertrauen und Verrat. Auch die Liebe kommt vor und ein Kind, das ihr entspringt. Für Irga ist es das Wichtigste, dass ihr zweiter Sohn um jeden Preis am Leben bleibt. Den ersten glaubt sie nämlich verloren. Doch was kann aus einem Kind werden, das dem Grauen entsprungen ist?

Die zweite Handlungsebene spielt in Lawra, fast 80 Jahre später. In dieser äusserst skurrilen Welt des scheinbar von allen guten Geistern verlassenen Mari-Dorfes muss sich die junge Journalistin Verna zurechtfinden. Sie, die einem brieflichen Hilferuf ihres Vaters gefolgt und eher widerwillig an den feindseligen Ort gekommen ist und den Vater nur noch tot vorfindet. Nun muss Verna versuchen, hinter das Geheimnis seines Todes zu kommen, doch niemand will ihr dabei helfen.

Mythen und Sozialismus

Hemmungslos verbindet die Autorin in ihren Erzählsträngen Mythen und Naturgeister mit den Auswüchsen des Sozialismus. Die unvereinbaren Welten werden auf eine sprachlich manchmal absurd anmutende Art und Weise miteinander verknüpft.

Die Finnen gelten als überaus schweigsam. Katja Kettu aber hat sehr viel zu sagen. Sie versteht es, für all die Widersprüche eine Sprache zu finden, auch wenn sie die Worte dafür manchmal erfinden muss. Mit Selbstverständlichkeit schildert sie all das Befremdliche – die unvorstellbare Brutalität genauso wie die Verbundenheit mit dem Unbegreiflichen. Ungeschönt poetisch und magisch realistisch schafft sie, wortgewaltig und fesselnd, ein sprachliches Kunstwerk. Einem Genre lässt sich der Roman schwer zuordnen. Er ist weder Thriller noch Frauenroman noch historischer Roman. Und irgendwie alles in einem.

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