Zum Hauptinhalt springen

Furiose Premiere

«Blasmusikpop»: So heisst ein Roman, über den in den nächsten Wochen wohl noch viel geschrieben und gesprochen wird.

Vea Kaisers Erstlingswerk: Blasmusikpop.
Vea Kaisers Erstlingswerk: Blasmusikpop.

Das Debüt der 23-jährigen Niederösterreicherin Vea Kaiser hat alles, was man heute für einen Erfolg braucht: eine intelligente junge Autorin, die sich für Titelblätter von Zeitschriften ebenso eignet wie für Talkshows, sowie ein raffiniert geschriebenes Buch, das dem uralten Heimatroman augenzwinkernd neue Seiten abgewinnt.

In Blasmusikpop übt sich die Blaskapelle von St. Peter am Anger, um den FC St. Pauli bei der Einweihung der neuen Flutlichtanlage des örtlichen Fussballplatzes gebührend zu empfangen. St. Peter ist der Schauplatz des Romans, ein fiktives und pittoreskes Alpendorf.

Das Fussballspiel, das die Öffnung des Ortes gegenüber dem Rest der Welt und das Ende einer jahrhundertelangen, selbst gewählten Isolation einleitet, steht am Ende des nahezu 500-seitigen Buches. Neben einem gezeichneten Orientierungsplan enthält es auch eine mehrseitige Liste der handelnden Personen.

Dorfchronik mit Bandwurm

«Blasmusikpop» ist eine über mehrere Generationen reichende Dorfchronik, in der es tatsächlich nicht immer leicht ist, den Überblick zu bewahren. Die Geschichte beginnt im Jahr 1959, als dem Holzschnitzer Johannes Gerlitzen ein Bandwurm diagnostiziert wird.

In der Dorfbibliothek vertieft er sich ins Studium der Lebensform jenes Tieres, das in seinen Eingeweiden heranwächst, und bald nachdem er unter Krämpfen einen 14,8 Meter langen Bandwurm ausgeschieden hat, entschliesst er sich dazu, Unvorstellbares zu wagen: Der von Wissensdurst getriebene Mann zieht in die Stadt.

Gerlitzen absolviert – nach Tricks für die Studienzulassung – ein Medizinstudium und kehrt als Arzt nach St. Peter zurück. Der Forscherdrang liegt offenkundig in der Familie. Angesteckt von der Begeisterung für die erste Mondlandung baut Sohn Alois zehn Jahre später seine Seifenkiste zum Raumschiff um, und auch Enkel Johannes wird «Doktor Opa» regelmässig «zum Forschen» besuchen.

Der hochbegabte Junge, der mit einem Stipendium die Klosterschule der nächsten Stadt besuchen darf, tendiert jedoch eher zu den Geisteswissenschaften. Die alten Griechen und vor allem der Geschichtsschreiber Herodot werden seine Vorbilder.

Satire, kein «Dorf-Bashing»

Einzelne Abschnitte seiner Dorfchronik, in der er später die wechselvolle Isolationsgeschichte der «Bergbarbaren» nachzeichnen wird, strukturieren die fortlaufende Erzählung, die ebenso als Heimat- wie als Entwicklungsroman gelesen werden kann. Dass sich Johannes vom Aussenseiter zum geachteten Mitglied der Dorfgemeinschaft entwickelt, daran sind der Fussball und die Liebe Schuld. Dabei entwickelt sich «Blasmusikpop» zunehmend von einer sanften Satire aufs Dorfleben in ein Jugendbuch.

Die Naivität, mit der da über Schule, Freund- und Liebschaften ebenso berichtet wird wie über die Vorbereitungen auf das Jahrhundertspiel (das übrigens 4:29 verloren geht), nimmt dem charmant erzählten Buch ein wenig seinen intelligenten Witz, trübt aber nicht den positiven Gesamteindruck. Dass Vea Kaiser erklärtermassen kein «Dorf-Bashing» betreiben, sondern die positiven Seiten des Landlebens betonen wollte, muss man nicht mögen. Dass ihr Buch – teilweise von Schweiz-Aufenthalten der Autorin inspiriert – originell ist und unterhaltsame Lesestunden beschert, ist aber neidlos anzuerkennen.

sda/Wolfgang Huber-Lang/dj

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch