Feuer in Gletschen

Ein Roman, den man nicht mehr aus den ­Händen legen will: «Wenn du gefragt hättest, Lotta» von Barbara Geiser dreht sich um ein düsteres Familiengeheimnis in einem Bergdorf, da ­unschwer als Grindelwald zu ­erkennen ist.

Feuer überall: Der Brand von Grindelwald 1892.

Feuer überall: Der Brand von Grindelwald 1892.

(Bild: zvg)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Die Grossmutter stirbt – und Lottas Leben wird aus der Bahn geworfen. Erst einmal aber sitzt sie in der Bahn. Steckt fest auf offener Strecke, irgendwo im Nebel in der verschneiten Landschaft. Sie ist auf dem Weg ins Bergdorf Gletschen. Dort findet die Beerdigung von Luise statt, die Enkeltochter soll für die musikalische Umrahmung sorgen. Lotta ist nie zuvor in Gletschen gewesen, sie weiss nicht, was ihre Grossmutter mit dem Ort in den Bergen verbindet. Doch allmählich kommt sie der Familiengeschichte auf die Spur.

Wurzeln in Grindelwald

Um diese verhängnisvolle Verflechtung geht es im Debütroman «Wenn du gefragt hättest, Lotta» von Barbara Geiser. Gletschen ist dabei unschwer als Grindelwald zu erkennen, auch Dialektausdrücke in Grindelwald-Dytsch werden im Buch immer wieder eingestreut. Die Zürcher Autorin Barbara Geiser ist selbst den Spuren ihrer Grossmutter nachgegangen: Lisa Geiser-Heimann stammte aus dem Berner Oberländer Ort. Sie hat auf Grin­delwald-Dytsch das Büchlein «Grindelwalder Strewwibletter» geschrieben, in dem sie fiktionalisiert erzählt, wie ihre Grossmutter und ihre Mutter den grossen Brand 1892 erlebt haben.

Der grosse Brand, ausgelöst durch einen verhängnisvollen Föhnsturm, kommt auch in Geisers Roman vor. Allerdings findet er bei ihr im Jahr 1906 statt – weil es so für die Geschichte besser passte. Auch die im Roman vorkommenden Hotels haben bloss Elemente realer Vorbilder. «Diese Freiheit nahm ich mir», sagt die Autorin. «Ich habe einen hohen Anspruch an historische Korrektheit, wollte aber nicht meine Zeit dafür einsetzen, ­herauszufinden, welche Hotels wann gebaut wurden und wie sie genau aussahen.»

Was ist echt, was ist erfunden? Genau diese Irritation hat Geiser interessiert. «Mir geht es um die Frage, was wir überhaupt wissen können. Oft hat man doch das Gefühl, davon habe ich gehört, aber irgendwie habe ich es anders in Erinnerung.» Die leichte Verunsicherung, wenn man sich fragt, was überhaupt wahr ist.

Auch Lotta, der Protagonistin im Roman, geht es so. Je tiefer sie in die Vergangenheit und in die Geschichte ihrer Grossmutter eintaucht, desto unsicherer wird sie: War ihre Grossmutter, bei der sie aufwuchs, nachdem der Vater spurlos in Chile verschwunden war, wirklich so liebevoll? Oder haben ihr Vater und ihre Tanten eine ganze andere Frau kennen gelernt, eine strenge und lieblose Mutter? Meinte Luise es wirklich gut mit der Enkelin, indem sie sie als Cellistin förderte, alles tat, damit Lotta Erfolg hatte?

Musik bietet Halt

Die Musik zieht sich durch das Buch, ist Halt, ist Inhalt. Durch das allmähliche Aufdecken der Familiengeschichte merkt Lotta, dass es noch ein anderes Leben abseits der Musik gibt, dass es noch andere Musik gibt, als die artig eingeordnete im Orchester.

Nicht von ungefähr ist die Musik so wichtig in diesem Buch. Barbara Geiser hat selber eine enge Beziehung dazu: Sie ist in klassischem Gesang ausgebildet, trat als Solistin auf.

Nicht zuletzt ist Geisers Roman auch eine Frauengeschichte: «Mich interessieren Frauen­biografien», sagt die 47-Jährige. Gleichzeitig betont sie: «Nur weil es um das Schicksal von Frauen geht, muss es ja noch nicht ein Frauenbuch sein.»

Ist es auch nicht. Der Roman ist tiefgreifend und fundiert, berührend und spannend. Das Buch entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Lotta ist einem Rätsel auf der Spur, und man fiebert mit. Mit Haut und Haar.

Darum darf an dieser Stelle auch nicht mehr verraten werden. Dieser Geschichte muss man schon selbst auf den Grund gehen. Es lohnt sich.

Barbara Geiser:«Wenn du gefragt hättest, Lotta», Edition Bücherlese, 317 Seiten.

Berner Zeitung

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