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Farbenfroh und friedlich

Der Iran verdreht die Tatsachen, Indonesien bannt mit lebhafter Vergangenheitsbewältigung: Ein Rundgang auf der Frankfurter Buchmesse.

Indonesier schmeicheln und reizen den Geruchssinn: Eine junge Frau fotografiert die Gewürzecke der Frankfurter Buchmesse (13. Oktober 2015). Foto: Frederik Von Erichsen.
Indonesier schmeicheln und reizen den Geruchssinn: Eine junge Frau fotografiert die Gewürzecke der Frankfurter Buchmesse (13. Oktober 2015). Foto: Frederik Von Erichsen.

Leere Kojen in der Halle 4, eine halbe Reihe ist leer. Sie war für Verlage aus dem Iran bestimmt, die der Buchmesse aus Protest ferngeblieben sind. Der Grund: Salman Rushdie, immer noch unter der Morddrohung der Fatwa von 1989, hat auf der Eröffnungs-Pressekonferenz für die Meinungsfreiheit plädiert – die er übrigens nicht nur von repressiven Regimes, sondern auch von der «political correctness» bedroht sieht.

Der Iran selbst erklärt auf einem Plakat seine Abwesenheit damit, dass Rushdie «im Namen der Meinungsfreiheit mehr als eine Milliarde Menschen beleidigt – ein klarer Verstoss gegen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte». So frech kann man die Tatsachen verdrehen.

Islam und Demokratie, wie geht das zusammen?

Offenbar nicht beleidigt fühlen sich die Indonesier, die dieses Jahr das Gastland stellen. 90 Prozent der 250 Millionen Einwohner des viertgrössten Landes der Erde sind Muslime. Wer sich im Ausland überhaupt mit diesem 17'000-Insel-Archipel beschäftigt – in keinem anderen Fall klaffen wohl Bedeutung und Unkenntnis so weit auseinander -, den interessiert vor allem die Frage: Islam und Demokratie, wie geht das zusammen? Offenbar ganz gut, wenn auch nicht konfliktfrei.

Die beiden islamischen Parteien des Landes haben noch nie die absolute Mehrheit bekommen, die Scharia will, ausser einiger Extremisten, niemand, und überhaupt gilt die Hauptsorge der Indonesier ihrem Zusammenhalt, was nicht einfach ist bei der Vielzahl der Sprachen, Kulturen, Religionen und Ethnien. Die jüngere Erfolgs- ist auch immer wieder eine Gewaltgeschichte; wenn Indonesien kippen würde: Die globalen Folgen wären nicht auszudenken.

Friedlich und farbenfroh

Der Auftritt in Frankfurt ist indes erwartungsgemäss friedlich, umrahmt von Gamelan-Musik, traditionellen Tänzen und Gewürzen. Der auf Buchmessen naturgemäss unterforderte Geruchssinn: die Indonesier schmeicheln und reizen ihn. In der als Insellandschaft gestalteten Halle «schwimmen» auch bootsförmige Tische, «Isles of Spices», voller Pülverchen, Kügelchen und anderem farbenfroh Zermahlenem, an dem man schnuppern kann.

«Dunga Pala» oder «Daun Pagagan» heissen sie und, ach, das ärmliche olfaktorische Vokabular des westlichen Menschen versagt schnell beim Versuch, die Signale der Nasenschleimhaut zu übersetzen. Die «Gewürzinseln» waren ja einmal das Ziel europäischer Handelsflotten, ihre Produkte hochbegehrt und unendlich wertvoll; für eine Handvoll Pfefferkörner konnte man ein Haus kaufen.

Indonesien, kein Leseland

Die jüngere Vergangenheit des jungen Inselstaates kennt einen präzisen Tiefpunkt: das Jahr 1965, als das Militär unter Suharto einen (befürchteten) kommunistischen Aufstand niederschlug und mindestens eine halbe Million Menschen umbrachte. Diese summarischen Massaker und die sich anschliessende jahrzehntelange Diskriminierung von allerlei Verdächtigen ist das Thema etlicher neuer Romane, die erst nach dem Ende des Suharto-Regimes 1998 zu erscheinen beginnen konnten. Einen, «Alle Farben Rot», hat Laksmi Pamuntjak geschrieben, die von Podium zu TV-Studio eilt, bildschön und eloquent, mit genau den Starqualitäten, die es braucht, um vollkommene Unkenntnis wenigstens in Interesse zu verwandeln.

Von einer literarischen Offensive Indonesiens kann man nicht wirklich sprechen; das Übersetzungsprogramm lief viel zu spät an, sodass es nicht viele Neuerscheinungen gibt. Im Land selbst, erfährt man, laufen religiöse Romane und schlichte Erfolgsgeschichten («Vom Tellerwäscher…») am besten. Derlei muss man nicht unbedingt übersetzen. Und dass der Inseln-Staat selbst kein Leseland ist, verhehlt selbst der Bildungsminister nicht. Ob 10 Minuten «freie Lektüre» täglich, die in den Schulen verordnet werden, da wirklich helfen? Dafür sollen – falls die Zahlen stimmen – 50 Millionen Indonesier bei Facebook sein.

Für Frieden plädieren, Vergangenheit vergessen

Ein milder, demokratiefähiger Islam, lebhafte Vergangenheitsbewältigung, also alles prima auf dem Archipel? Dann aber erlebt man den Auftritt des Dichters Taufiq Ismael, der für den «totalen Frieden» plädiert und dann erläutert, was er darunter versteht: die Vergangenheit vergessen, die «Aufarbeitung» stoppen. Was den Kommunisten 1965 geschehen sei, hätten sie sich schliesslich selbst zuzuschreiben, die Militäraktion sei eine blosse Reaktion gewesen.

Man solle die «Kette» (des Marxismus) unterbrechen «und die einzelnen Glieder vergraben». Das klingt wie Poesie, ist aber pure Ideologie. Es gehört aber zur indonesischen Wirklichkeit und also auch zu einer realistischen Länderpräsentation. Und passt zum Konzept der Messe, auf der, wie Messeleiter Juergen Boos sagte, etliche Bücher ausliegen, die gegen das Grundgesetz verstossen. Das müsse und wolle man auf einer Buchmesse, die sich der Meinungsfreiheit verschreibt, tolerieren.

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