Fährten finden mit Urweider

Raphael Urweider legt zehn Jahre nach «Alle deine Namen» einen neuen Gedichtband vor. In «Wildern» fügt der Berner Dichter ineinandergreifende Dinge zu einem Ganzen ­zusammen. Das bereichert den Geist. Und es macht Spass.

Rauchen, überlegen, sprechen: Dichter Raphael Urweider (43) im Fumoir des Berner Hotels Schweizerhof. Hierhin kommt er oft, um zu arbeiten.

Rauchen, überlegen, sprechen: Dichter Raphael Urweider (43) im Fumoir des Berner Hotels Schweizerhof. Hierhin kommt er oft, um zu arbeiten. Bild: Nicole Philipp

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In «Wintern», dem ersten Gedicht in Raphael Urweiders ­neuem Buch, geht es um Tiere im Wald. Es geht um Jäger. Um Fährten, die man findet oder auch nicht. Ein Hase kommt darin vor, etwas in der Art jedenfalls, «die ohren länglich eine art hase wohl doch». Das Tier läuft nicht, es schlägt Haken im Schnee. Und es «schlägt vorhersehbarem schnippchen».

Bei Urweider selbst verhält es sich gerade umgekehrt. Es ist nicht er, der dem Leben Schnippchen schlägt. Es ist eher das Leben, das ebendies mit ihm tut. Es gebe viel mehr, was ihm passiert sei, als was er aktiv beeinflusst habe, sagt der 43-Jährige.

Urweider sitzt im Fumoir des Berner Hotels Schweizerhof und raucht und überlegt und spricht, meistens in dieser Reihenfolge. Der Kaffee sei ein bisschen teurer hier als anderswo, sagt er, dafür dürfe man rauchen und am Morgen sei man oft stundenlang der Einzige im schönen Saal mit den Ohrensesseln und dem Oberlicht, das gerade so viel Tageslicht hereinlässt, dass man erahnen kann, ob draussen die Sonne scheint oder ob es trüb ist und nass. Urweider kommt oft hierher, um zu arbeiten.

Der schlecht rasierte Barbier

Und ja, Urweider ist viel passiert, seit im Jahr 2000 sein Lyrikdebüt «Lichter in Menlo Park» erschienen und er dafür einen Strauss an Preisen im In- und Ausland erhalten hat.

Er, die «junge, literarische Hoffnung aus Bern», wie diese Zeitung vor achtzehn Jahren schrieb, verfasste Theaterstücke und Bücher, übersetzte, war als Teil der Berner Rapformation LDeeP unterwegs, trat als Schauspieler auf, leitete zwei Jahre lang das Berner Schlachthaus-Theater. Er habe sich treiben lassen, sagt Urweider.

Und jetzt also ist es Urweider, der in Guttannen und Biel auf­gewachsen ist, wieder einmal passiert, dass ein Buch mit Lyrik fertig geworden ist. «Wildern» erscheint am kommenden Montag. Zehn Jahre sind vergangen seit «Alle deine Namen», seinem letzten Gedichtband.

Weil die Zeit schneller vergehe, je älter man werde, seien manche Gedichte in «Wildern» zehnjährig oder älter, sagt Urweider. «Cairo» zum Beispiel, das pyramidenförmig dargestellt ist, zum Beispiel hat er vor achtzehn Jahren geschrieben, andere Gedichte im Zyklus «Orten» sind ganz frisch.

Der Dichter nimmt seine Leser darin mit nach Rom, nach Berlin, in den Schlafwagen nach Charkiw in der Ukraine, nach Neapel, nach Alexandria, wo «ein schlecht rasierter barbier schabt / an einem breiten nacken voller / warzen und narben in einem vorort».

«Reisen ist etwas sehr Gutes für einen Dichter.»Raphael Urweider

Das Reisen, sagt Urweider, sei etwas Gutes für einen Poeten. «Es gibt einem einen anderen Energielevel, als wenn man ­immer die gleichen Wege abschreitet.»

Der Käfer auf dem Rücken

Im Sommer 2015 ist Urweider zum ersten Mal Vater geworden, vor zwei Monaten dann kam sein zweiter Sohn zur Welt. Es fasziniere ihn, wie sich ein Mensch vom «Käfer-auf-dem-Rücken-Dasein», wie der Dichter das ­frühe Babyalter nennt, zu einem redenden, gehenden Wesen entwickelt.

Der fast dreijährige Valentin spielt Schlagzeug, und im Moment sind Glockentürme seine «temporäre, wahnsinnige Vorliebe», wie sein Vater sagt. Tagelang könnten er und sein Sohn durch die Stadt streifen und schauen, wo es Uhren hat. Das verändere den eigenen Blick, ja das sei auch Inspiration, sagt Urweider.

Seit er Vater sei, glaube er, sich an Dinge zu erinnern aus seiner eigenen frühesten Kindheit. Ein neues Gedicht, es ist das letzte in «Wildern», handelt von diesen Erinnerungen: «der körper wächst das weiss ich nicht / organe gelenke und wirbel vergrössern / und verschieben sich ineinander».

So ähnlich auch fühlt es sich an, das Lesen von Urweiders Lyrik; die Zeilen wachsen im Kopf und manchmal im Herzen, sie verschieben sich ineinander, man liest sie drei-, vier-, fünfmal, und jedes Mal glaubt man, wieder etwas Neues zu fühlen, etwas Neues hineininterpretieren zu können.

«Stamm» ist ein Beispiel: «der stamm ein sammler / der zwiebel verwandt / der stamm ein schwamm / der zeit aufsaugt zeit / aufsaugt wie tote haut». Ineinandergreifende Dinge fügen sich in Urweiders Sprachuniversum zu einem Ganzen zusammen, manchmal erkennt man dieses Ganze nur erst lange nach dem Lesen. Das ist eine ganz gute Eigenschaft für ein Gedicht.

Ja, es geht einem ein bisschen so wie den Tieren und Jägern in «Wintern», wenn man Urweider liest und auch wenn man mit Urweider spricht: Man sucht Fährten, man findet sie oder auch nicht. Das aber bereichert in jedem Fall den Geist, macht stellenweise richtig Spass.

«Beglückend überraschungsreich» kann man diese Poesie nennen, wie sein Verlag es im Pressetext tut. Man könnte auch sagen, dass Urweider einfach wahnsinnig gut darin ist, mit seiner Sprache dem Vorhersehbaren Schnippchen zu schlagen.

Raphael Urweider: «Wildern», Hanser-Verlag, 128 Seiten. Erscheint am 19. Februar. Lesung: 22. März, Farelhaus, Biel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.02.2018, 12:58 Uhr

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