«Essen Sie sättigende Lebensmittel!»

Bast Kast ist Wissenschaftsjournalist. Sein Buch «Ernährungskompass» ist seit Monaten ganz oben auf der «Spiegel»-Sachbuchliste. Was macht dessen Erfolg aus?

«Zu behaupten, ein einzelnes Lebensmittel sei besser als andere, ist vollkommen willkürlich», sagt Bas Kast. Foto: Mike Meyer/Random House

«Zu behaupten, ein einzelnes Lebensmittel sei besser als andere, ist vollkommen willkürlich», sagt Bas Kast. Foto: Mike Meyer/Random House

Daniel Böniger@tagesanzeiger

Herr Kast, warum haben Sie den «Ernährungskompass» geschrieben? Wollten Sie die Menschheit gesund machen oder einfach Geld verdienen?
Weder noch. Es ging mir um meine eigene Gesundheit. Ich hatte beim Joggen plötzlich Herzbeschwerden; wiederholt spürte ich ein Stechen in der Brust. Mir wurde klar, dass ich etwas ändern muss in meinem Leben. Ich liess für einige Wochen Junkfood und Zucker weg, ass Salat, Nüsse, Gemüse und Obst – und bald ging es mir besser.

Dies erzählen Sie am Anfang Ihres Buches. Ich hielt es für einen journalistischen Kniff ...
Natürlich bin ich Autor und will eine Geschichte erzählen. Und zugegeben, die Episode ist im Buch verdichtet. Dass aber besagter Vorfall die Motivation für das Projekt war, stimmt. Übrigens bin ich erst bei mehreren Verlagen mit der Idee aufgelaufen. Die dachten, dass ein Ernährungsbuch von einem Autor, der sonst über psychologische Themen schreibt, kein Erfolg wird.

Ein normaler Mensch geht mit Herzproblemen zum Arzt.
Ich würde niemandem empfehlen, es mir gleichzutun. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, warum ich nicht zum Doktor ging. Vielleicht eine Ärztephobie?

Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass gerade das richtige Essen Sie gesunden liess?
Dafür kann ich die Hand nicht ins Feuer legen. Aber ich habe ja sonst nichts geändert im Leben, darum halte ich es für plausibel. Natürlich wäre es viel wissenschaftlicher, wenn ich wieder ­beginnen würde, Junkfood zu ­essen, um zu sehen, ob die Beschwerden zurückkommen ...

«Mal ist Gluten böse, mal sind es die Kohlenhydrate.»

Wie lief das Projekt weiter?
Ich stiess schnell auf Caldwell Esselstyn, einen US-Kardiologen, der viele Patienten hatte, denen es viel dreckiger ging als mir. Es frustrierte ihn, immer nur Symptome zu behandeln. Als einer der Ersten setzte er auf eine Umstellung der Ernährung. Er hatte vor allem Fett und Fleisch im Verdacht, ungesund zu sein. Er begann, sich und seine Patienten streng vegan zu ernähren, und war damit erfolgreich. Ich begann, weitere Studien zu sammeln und zu vergleichen.

Sie hüten sich aber davor, eine bestimmte, für alle gültige Diät zu propagieren. Macht das den Erfolg des Buches aus?
Ich weiss nicht, warum der «Ernährungskompass» besser läuft als alle meine Bücher zuvor. ­Vielleicht, weil viele Menschen irritiert sind ob all der Veröffentlichungen zum Thema Ernährung. Auch der häufig ideologische Einschlag solcher Bücher dürfte für viele verwirrend sein. Mal ist Gluten böse, mal sind es die Kohlenhydrate. Und der Tenor ist immer: Weglassen, und alles wird gut! Darum wollte ich einen Überblick über sämtliche Ernährungsstudien geben, die seit dem Zweiten Weltkrieg verfasst wurden.

Wie entscheidet man, welche Studien man ernst nimmt?
Es hat etwas Subjektives, welche Resultate ich herausstreiche. Aber: Ich habe mich nie von einer einzelnen Studie, die dieses oder jenes behauptet, überzeugen lassen. Es brauchte jeweils schon zehn solide Arbeiten, die in die gleiche Richtung zeigten, idealerweise aus verschiedenen Disziplinen. Wenn ich zum Beispiel hörte, dass Menschen am Mittelmeer, die viel Olivenöl verwenden, besonders gesund sind, nahm ich dazu eine biochemische Arbeit hinzu, die zeigt, dass Olivenöl wie Ibuprofen entzündungshemmend wirkt – erst dann zog ich Schlüsse.

Auch der Leser wählt aus, was ihn überzeugt. Ich esse seit der Lektüre täglich Nüsse und dunkle Schokolade. Gut so?
Ich mag Leser, die selbstständig denken, die nicht meine Knechte sind. Hat jemand eine Glutenunverträglichkeit, darf er gewisse Lebensmittel keinesfalls essen, egal, was ich schreibe. Es geht mir um Faustregeln. Zum Beispiel, dass pflanzliche Lebensmittel zu bevorzugen sind.

«Es ist gut, naturbelassenes Essen, keinen Zucker und mehr pflanzliches als tierisches Eiweiss zu essen.»

Weitere Empfehlungen?
Essen Sie sättigende Nahrungsmittel! Ich spreche mich für einen bewussten Konsum von Proteinen aus, weil die nicht nur Energielieferant sind, sondern auch ein Baustoff für den Körper. Zweitens sind Ballaststoffe wichtig, weil auch sie sehr effektiv satt machen.

Sie gehen bei Ihren Tipps meist von Menschen im mittleren Alter aus, die im Büro arbeiten.
Über Weirds, sprich «western, educated, industrialized, rich and democratic», gibt es halt am meisten Studien.

Und Sportler, Kinder oder ältere Menschen? Gelten Ihre Empfehlungen auch für sie?
Es ist gut, naturbelassenes Essen, keinen Zucker, mehr pflanzliches als tierisches Eiweiss zu essen – das sind universelle Prinzipien, die meiner Meinung nach für alle gelten.

Sie unterscheiden verschiedenste Fette, aber alles Gemüse scheren Sie über den gleichen Kamm. Macht das Sinn?
Dass ich zwischen Gurken und Spinat nicht differenziere, ist sinnvoll. Es fehlen hier hochauflösende Daten, um in die Details zu gehen. Da Tipps zu geben, wäre spekulativ. Manche Forscher behaupten ja, dass Blaubeeren besser sind als Erdbeeren, und beziehen sich dabei auf die antioxidative Kraft. Dies jedoch als einzig entscheidendes Kriterium zu nehmen, ist fragwürdig.

«Erklären Sie mir doch bitte, wie man Chiasamen mit Avocados vergleichen soll?»

Dann stehen Sie wohl Superfood wie etwa Chiasamen kritisch gegenüber?
Zu behaupten, ein einzelnes Lebensmittel sei besser als andere, ist vollkommen willkürlich. Erklären Sie mir doch bitte, wie man Chiasamen mit Avocados vergleichen soll? Und was bekommt die Kontrollgruppe?

Noch ein Modethema, das Sie im Buch anschneiden, ist das Fasten.
Die Forschungen rund ums Fasten stecken noch in den Kinderschuhen, sie sind aber interessant. Nur in Zeitfenstern zu essen, ist eine gute Methode, um abzunehmen – auch für wenig disziplinierte Menschen. Und gesund scheint es auch zu sein.

Am Buchende fassen Sie Ihre Erkenntnisse zusammen. Man liest da viel Altbekanntes: Viel Gemüse essen sei gut, richtig zu geniessen, lieber Fisch als Fleisch zu konsumieren ...
Bei Zusammenfassungen besteht die Gefahr, platt zu sein. Aber wäre es nicht seltsamer, wenn ich etwas ganz Bahnbrechendes herausgefunden hätte? Etwa, dass der Verzehr von riesigen Steaks supergesund ist? Dann müssten Sie misstrauisch werden.

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