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Er las die Bibel als kommunistisches Manifest

Der berühmte nicaraguanische Dichter und Priester Ernesto Cardenal ist am Sonntag im Alter von 95 Jahren verstorben. Ein Nachruf.

Er sah einst das Heil für die Völker Lateinamerikas im Kommunismus: Ernesto Cardenal. Foto: Keystone
Er sah einst das Heil für die Völker Lateinamerikas im Kommunismus: Ernesto Cardenal. Foto: Keystone

In Ulla Hahns autobiografischem Roman «Spiel der Zeit» gibt es eine Liebesszene, die keusch bleibt, weil sie so politisch ist. Hugo, der Liebhaber der Erzählerin, liest trostlos grausame Zeilen vor: «Man spottet über mich in allen Zeitungen. / Panzerwagen umgeben mich, / Maschinengewehre zielen auf mich, / elektrisch geladener Stacheldraht schliesst mich ein.» Die Stimme, die das vorträgt, streicht der Erzählerin über die Stirn und durchs Haar, küsst ihr den Nacken, hält sie. Die Kraft der Dichtung liegt nicht in der lyrischen Form, sondern in der poetischen Utopie: «Das Volk, das noch geboren wird, / unser Volk, / wird ein grosses Fest feiern.»

Diese Verse hat Ernesto Cardenal geschrieben, ein katholischer Priester, der ganz von dieser Welt war, ein Mönch, der ausführlich von seinen Liebesgeschichten erzählte, ein Minister, der vor dem Papst kniete und vor laufender Kamera von ihm gemassregelt wurde, einer der populärsten Dichter des 20. Jahrhunderts und fast ein Gleichnis für das anhaltende Unglück Lateinamerikas.

Er konnte auch hemmungslos lieben

Cardenal kam 1925 in einer grossbürgerlichen nicaraguanischen Familie zur Welt, konnte an der Columbia University in New York studieren und lernte dort die Gedichte des Rhapsoden Walt Whitman kennen. Er sah sich zunächst zum elegischen Lyriker berufen, doch liessen das die politischen Verhältnisse nicht zu. Als seine letzte Liebe einen anderen heiratete und ein weitläufiger Verwandter, der Diktator Anastasio Somoza, als Trauzeuge geladen war, ging Cardenal in ein Kloster und wurde, betreut von dem Mystiker Thomas Merton, in Gethsemani in Kentucky Trappist. Das Schreiben von Gedichten war ihm dort verboten, aber er durfte Tagebuch führen und sich die Notizen machen, als denen später seine berühmten «Psalmen» wurden.

Wie der fast gleichaltrige argentinische Arzt Ernesto Guevara sah Cardenal das Heil für die von Diktatoren und nordamerikanischen Konzernen beherrschten Völker Lateinamerikas im Kommunismus. Seit er den Mädchen abgesagt und sich mit dem Eintritt ins Kloster für Gott entschieden hatte, las er die vier Evangelien als kommunistische Manifeste und hegte die verzweifelte Hoffnung, das Reich Gottes würde sich in einem urkommunistischen, also biblischen Diesseits ereignen.

«Sie hungerte nach Liebe, und wir boten ihr Beruhigungsmittel.Gegen die Traurigkeit, dass wir nicht heilig sind,empfahl man ihr die Psychoanalyse.»

Aus: «Gebet für Marilyn Monroe», Ernesto Cardenal

In der sandinistischen Revolution wurde das Regime der Familie Somoza gestürzt. Der neue Caudillo Daniel Ortega machte Cardenal zum Kulturminister, der als Werber für die Regierung um die Welt reiste. Seine Baskenmütze wurde fast so populär wie die Che Guevaras, und anders als damals im bolivianischen Dschungel, schien die Zeit für das Fest gekommen. Linke wie Bernie Sanders fuhren begeistert nach Managua, die USA bekämpften die Revolution mit bewährter Brutalität, und Johannes Paul II. suspendierte Cardenal von seinem Priesteramt. Er blieb Dichter. So leitartikelig es in seinen Gesängen oft zuging, er konnte hemmungslos lieben wie in seinem «Gebet für Marilyn Monroe»: «Sie hungerte nach Liebe, und wir boten ihr Beruhigungsmittel. / Gegen die Traurigkeit, dass wir nicht heilig sind, / empfahl man ihr die Psychoanalyse.»

Aus der nicaraguanischen Hoffnung ist längst eine neue Diktatur geworden. Immerhin hat der jetzige Papst, ein Erbe der Befreiungstheologie, Cardenal das Priesteramt wiedergegeben. Die Armen sind aber noch immer arm, das grosse Fest ist so oft angekündigt worden. Ernesto Cardenal hat es nicht mehr erlebt. Am Sonntag ist er im Alter von 95 Jahren in Managua gestorben.

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