«Eines Tages wird man die Gefängnisstrafe abschaffen»

Frankreich ist dieses Jahr Gastland an der Frankfurter Buchmesse und präsentiert sich mit über 135 Autoren. Einer von ihnen ist Edouard Louis. Er formt seine Autobiografie zur Gesellschaftsanalyse.

Fordert zur Einmischung auf: Der Autor Edouard Louis (24) beim Besuch in Zürich.

Fordert zur Einmischung auf: Der Autor Edouard Louis (24) beim Besuch in Zürich.

(Bild: Severin Bigler/AZ)

Es beginnt wie ein Krimi. Wir sehen den Autor, wie er nach der Tat versucht, alle Spuren zu löschen. Er bringt die Bettwäsche in den Waschsalon, leert literweise Reiniger auf den Boden, ins WC, in die Dusche. Verzweifelt versucht er aus seiner Wohnung das Geschehene zu entfernen. Das, was in der späteren Anzeige «Mordversuch» genannt wird. Doch was ist geschehen?

In seinem zweiten autobiografischen Roman «Im Herzen der Gewalt» erzählt der französische Autor Edouard Louis von der Weihnachtsnacht 2013. Auf dem Heimweg wird er von einem Unbekannten angesprochen. Er nimmt ihn, der sich als Reda vorstellt, mit nach Hause. Es könnte der Beginn einer grossen Leidenschaft sein. Doch plötzlich kippt es. Aus Anziehung wird Gewalt. Reda würgt ihn, bedroht ihn mit einer Waffe, vergewaltigt ihn.

Vor drei Jahren war Edouard Louis mit «En finir avec Eddy Bellegueule» in Frankreich bekannt geworden. Im Jahr drauf erschien der autobiografische Roman über seine Kindheit in einem nordfranzösischen Dorf auf Deutsch und in mehr als zwanzig weiteren Sprachen. «Das Ende von Eddy» ist eine Milieustudie. Dem Autor, homosexuell und von frühester Kindheit an mit weiblichen Zügen, blieb es verwehrt, im Dorf dazuzugehören.

Der Vater lehnte ihn ab, weil er nicht seiner Vorstellung eines Sohnes entsprach, er war «kein echter Kerl». Edouard Louis, vor seinem Namenswechsel noch Eddy Bellegueule, entwickelt ein feines Gespür für die Verhaltensweisen, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Anpassung, um zu überleben.

Brutales Dorfleben

«Meine Eltern sind Rassisten, sie sind homophob, frauenfeindlich und reaktionär», sagt Edouard Louis heute. Nicht nur sie, sondern die Mehrheit des Dorfes. Doch der Autor begreift seine Herkunft soziologisch, Verhaltensmuster sieht er durch die ­gesellschaftlichen Strukturen begründet.

In seinem Debüt zeichnet er nach, wie Wut aus Ausgrenzung und Chancenlosigkeit entsteht und als Ausgrenzung ­weitergegeben wird. Als der Autor sein Manuskript einem Verleger in Paris zeigte, glaubte dieser nicht, dass es die geschilderten Zustände heute noch gebe. Für die tonangebenden Klassen existierten die Menschen in der abgehängten Provinz nicht, sagt Louis. Der Einzige, der sie anspricht, ist der Front National. Es ist das Phänomen, das von Trumps Erfolg in den USA hin­reichend bekannt ist.

Im französischen Titel des Debüts schwingt die Doppeldeutigkeit mit: Edouard Louis liess sich nicht fertigmachen – er beendet seine Existenz als Eddy. Dank der Versetzung auf eine weiterführende Schule gelingt ihm der Befreiungsschlag. Er nimmt seinen neuen Namen an und legt eine erstaunliche Karriere hin.

«Das Studium war der einzige Weg, der mir erlaubte, mich nicht nur räumlich von meiner Vergangenheit zu ­entfernen, sondern ­vollständig.»Edouard Louis

Er kommt nach Paris, studiert an der Eliteschule, heute arbeitet er an seiner Doktorarbeit in Philosophie und Sozialwissenschaften und gehört zu den meistbeachtetsten Köpfen Frankreichs. Im neuen Buch schreibt er: «Das Studium war der einzige Weg, der mir erlauben würde, mich nicht nur räumlich von meiner Vergangenheit zu entfernen, sondern auch sozial, also vollständig.»

Doch dann holt ihn in jener Nacht in Paris die Gewalt ein. Im neuen autobiografischen Roman legt der Autor Schicht um Schicht Seelenzustände frei, bis er zu dem Punkt vordringt, wo der Schalter umgelegt wird. Ein Ereignis ist, wie Louis davon erzählt. Er tut es nämlich zumeist indirekt.

Einen grossen Teil erfahren wir durch seine Schwester Clara, die die ­Geschichte ihrem Mann weitererzählt, in ihrer groben, oft wertenden Sprache und voller Abschweifungen. Aber der Autor erzählt auch von seinem Gang durch die Institutionen. Davon, wie ihm die Beamten auf der Polizeistation eine rassistische Auslegung aufzwingen: «Ah, Sie meinen, maghrebinischer Typus», sagt einer. Louis schreibt: «Für ihn implizierte das keine geografische Information. Es bedeutete schlicht Schurke, Übeltäter, Krimineller.»

Die Gewalt der Sprache

Das Erzählen selbst wird verhandelt. Durch diese Auffächerung zeigt sich die Macht und damit die in der Sprache angelegte Gewalt. Louis kommentiert und korrigiert den Bericht seiner Schwester mit Einschüben. Umgekehrt zieht er Parallelen zwischen Reda und eigenen Erlebnissen und zeigt, wie sich Rassismus und sozialer Ausschluss entsprechen. Dass Reda seinen iPad stielt, findet er beispielsweise «logisch», er selbst hatte in seiner Kindheit aus ähnlichen Gründen gestohlen.

So schreibt der Autor seiner Literatur politische Kraft ein. Das ist Absicht: «Es ging mir darum, den Rassismus zu pulverisieren», sagt er. Der französische Titel seines neuen Buches, «Histoire de la violence», ist eine Referenz an den grossen französischen Soziologen Michel Foucault. Und in seinen Text fliessen sozialphilosophische Ideen von Pierre Bourdieu ein, über den Louis ein Buch publiziert hat.

2015 veröffentlichte er mit einem Freund zudem in der französischen Zeitung «Le Monde» ein Manifest, in dem sie zur Einmischung aufrufen. Sie fordern die Linke auf, eigene Themen zu setzen und rechtspopulistische Themen nicht durch die Teilnahme an Diskussionen zu legitimieren. «Wir wollen über Klassen reden, über Ausbeutung und Gewalt.» Auch da­rüber, wie sich deren Ausformungen – Armut, Rassismus, Frauenfeindlichkeit oder Homophobie – überschneiden.

Genau das tut Louis in seinen Romanen. Er schont sich selbst dabei nicht, wenn er zeigt, wie die Angst auch in ihm den Rassisten freilegt. Und doch widerstrebt es ihm, Anzeige zu erstatten. Die Gefängnisstrafe sei nur eine Fortsetzung der Gewalt, sagt er. Irgendwann werde es eine gesellschaftliche Mehrheit gegen die Gefängnisstrafe geben – wie heute gegen die Todesstrafe.

«Im Herzen der Gewalt» ist ein Buch, aus dem man benommen auftaucht – vor allem wegen der Kraft der Analyse und der Schönheit der Form, in der Louis seine Aufarbeitung in Sprache fasst. Bei aller Gewalt ist das Buch nicht zuletzt ein Buch über die Freundschaft. In seinem Debüt schrieb der Autor noch: «Das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.» Im neuen Buch sind es seine Freunde, die auch seine intellektuellen Mitstreiter sind, die ihm durch die bedingungslose Annahme ermöglichen, neue Seiten an sich selbst kennen zu lernen. Der Autor ist 24.

Edouard Louis: «Das Ende von Eddy», 208 S.; «Im Herzen der Gewalt», 224 S., beide Verlag S. Fischer.

Berner Zeitung

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