Ein Unschuldiger vor Gericht

Hintergrund

Max Frischs «Berliner Journal» enthält auch einige literarische Skizzen. Heute in unserer Serie mit Auszügen: Eine Tribunalszene.

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Martin Ebel@tagesanzeiger

Das Tagebuch, das Max Frisch nach seinem Umzug nach Berlin Anfang 1973 zu führen begann, versah er mit einer langjährigen Sperrfrist. Unter anderem, weil er darin auch über seine Ehekrise schreibt. Mit Rücksicht auf seine zweite Frau Marianne, die heute noch in Berlin lebt, fehlen diese Passagen in der Ausgabe, die kommende Woche in den Buchhandel kommt. Das «Berliner Journal» ist aus vielen Gründen dennoch eine faszinierende Lektüre: Frisch notiert seine Eindrücke von Besuchen in Ostberlin, porträtiert Schriftstellerkollegen und sich selbst – mit dem bekannten gnadenlosen Blick.

Es finden sich aber auch literarische Skizzen, unter anderem die folgende Szene eines Unschuldigen vor Gericht, die wir mit freundlicher Erlaubnis des Suhrkamp-Verlages publizieren. Sie stellt in einer für Max Frisch charakteristischen Weise objektive Gerechtigkeit subjektiver Gerechtigkeit gegenüber; dem Angeklagten ist nichts nachzuweisen, weshalb er auch freigesprochen wird, aber die Durchleuchtung seiner Person von aussen macht ihm diese unerträglich. In seinen eigenen Augen ist er gerichtet. Tribunalsituationen finden sich immer wieder in Frischs Werk; die hier vorliegende Skizze hat er später in «Blaubart» (1982) ausgearbeitet.

Ein Mann kommt in ein Gerichtsverfahren, seines Wissens völlig unschuldig. Aufmarsch der Zeugen, die, so meinen sie offenbar, zu seinen Gunsten aussagen; Details, an die er sich nicht erinnert hatte. Was er, von Ankläger oder Verteidiger befragt, selber vorbringt, tönt ungünstiger. Auch Briefe, die im Saal verlesen werden, erschrecken ihn; dann sitzt er mit gesenktem Kopf, wenigstens die Augen geschlossen, wenn man schon die Ohren nicht schliessen kann. Sein Verteidiger strahlt als Jurist; kein Anlass zur Melancholie, versichert er dem Angeklagten.

Von Zeuge zu Zeuge verstärkt sich das Alibi; die Geschworenen sind schon ziemlich sicher; der Staatsanwalt kann es ihm nicht ersparen, dass seine Person beleuchtet wird, und fragt denn auch immer, ob er, der Angeklagte, den Zeugen in irgendeinem Punkt widersprechen möchte. Das scheint nicht der Fall zu sein. Es stimmt schon, was der Hauswart sagt, die Sekretärin, der Freund von damals, die Schwester, der Mann von der Garage, der Nachbar von oben und der Nachbar von unten, der Briefträger, ein alter Kellner, die geschiedene Frau, der Sohn, und dass der Mann in der Anklageschranke plötzlich schreit, plötzlich mit beiden Fäusten auf die Schranke trommelt, ist unverständlich. Nervenzusammenbruch bei erwiesener Unschuld. Er schreit: Aufhören, aufhören!

Es sind aber noch weitere Zeugen da; jeder berichtet in seiner Art, was er zur Person des Unschuldigen weiss. Auch Fotos, die ihn entlasten, werden im Saal herumgereicht. Das einzige Indiz, das noch besteht, ist sein Nervenzusammenbruch oder wie man das nennen will. Benimmt ein Unschuldiger sich so? Aber die Geschworenen lassen sich nicht verwirren, es kommt zum erwarteten Freispruch, den er nicht zu hören scheint. Der Mann bleibt sitzen. Er mag nicht mehr leben. Er kann nur den Kopf schütteln. Der Mann ist sich selbst so unsympathisch geworden, grenzenlos unsympathisch.

Aus: Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Herausgegeben von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser. Suhrkamp, Berlin 2014. 235 S., ca. 30 Fr.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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