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Ein Tag im Leben des Architekten Sascha

Der Roman «Das Hemd» des russischen Kultautors Jewgeni Grischkowez beschreibt einen Dandy des 21. Jahrhunderts.

Bei aller neuerlichen Entfremdung: Auch nach der Georgien-Krise ist die Verwestli­chung Russlands und vor allem seiner 11-Millionen-Hauptstadt Moskau nicht mehr aufzuhalten. Längst gibt es hier mehr Dollarmilliardäre als in New York und schickere Bars als in London. Aber auch eine Million Arme. Aus der glitzernd-ab­gründigen Metropole des 21. Jahrhunderts kommt nun ein Werk in deutscher Über­setzung heraus. Sein unspektakulärer Titel: «Das Hemd». Der Roman wurde in Russ­land über 100 000-mal verkauft; der Autor (und Regisseur) Jewgeni Grischkowez geniesst seit seinem Theatererstling «Wie ich einen Hund verspeiste» Kultstatus.

Von Liebe und Neurosen

Und «Das Hemd» hat alle Vorausset­zungen, auch hierzulande erfolgreich zu sein. Es ist jung, frisch, cool und liest sich in einem Zug. Die unaufgeregte, aktuelle, durch alle Schattierungen kongenial über­setzte Sprache nimmt ein. Grischkowez’ Leichtigkeit erinnert dabei an den Autoren der «Russendisko», Wladimir Kaminer, ist in ihrer Lakonie jedoch noch deutlich ele­ganter. Der Stil integriert postmoderne Schreibgewohnheiten, etwa beliebig viele Ausrufezeichen und Grossschreibungen («Darum kam Max UNGELEGEN!!!») und wirkt damit sehr alltagsnah.

Die Handlung aber ist alles andere als extravagant. Erzählt wird ein einziger Tag im Leben des Protagonisten Sascha – lei­der kein zweiter Bloomsday, auch wenn der Klappentext das so sieht, sondern einige ziemlich gewöhnliche Stunden. Sa­scha ist Mitte dreissig, Architekt (Luxusre­novierungen) und gehört zum oberen Mit­telstand. Im Moment ist er unsterblich verliebt und entsprechend gestimmt («Al­les an ihr gefällt mir! Ich liebe sie so!!!»). Am Tag, der ein Roman ist, kommt Sa­schas alter Kumpel und Trinkgenosse Max aus der Provinz zu Besuch. Sie ziehen um die Häuser. Männlichkeit ist dabei das Höchste: Die Freunde sind Dandys alter Schule, Kleidung ist das Wichtigste, und man diskutiert immerfort Verführungs­künste. Aber seit Sascha «SIE» kennt, weist sein Tag auch kleinere Neurosen auf. Taxifahrten und Barbesuche werden so durchsetzt von nervösem Warten auf Anrufe sowie von Wachträumen, in denen die Angebetete erscheint.

Dies alles ist amüsant zu lesen. Stilisti­scher Reiz und unterhaltsame Dialoge ste­hen jedoch in Missverhältnis zu einer be­scheidenen Aussage. Was erzählt wird, ist stets aus der Klischeekiste gegriffen. Ein Verständnis der Figuren wiederum ist schwierig, da Charakterzeichnung zuguns­ten lockerer Bar-Dialoge ausbleibt. Etwas unsympathisch wirkt Sascha trotzdem. Die ihm unterstellten Bauarbeiter behan­delt er nach Gutdünken, Taxifahrer oder Kellner («Lakaien») wie Menschen dritter Klasse.

Nun müssen Romanfiguren nicht gefal­len; die Beiläufigkeit aber, mit der Grisch­kowez die Hierarchien des schönen neuen Moskau als selbstverständlich präsentiert, befremdet doch sehr. Wer nur auf Life­style Wert legt, hat an einer Auseinander­setzung mit seinen eigenen Schattenseiten selbstredend wenig Interesse. Schade nur, wenn auch der Autor nur Style statt Stil zu bieten hat. So erinnert das Ganze ein biss­chen unangenehm an Florian Illies’ «Ge­neration Golf», in dem vor einigen Jahren Kultur über die richtige Barbourjacke defi­niert wurde. Vielleicht wird «Das Hemd» in Russland in ähnlicher Weise Kult.

Gemütlich von Bar zu Bar

Jewgeni Grischkowez hat ein gut lesba­res Buch von grosser Harmlosigkeit ge­schrieben. Gemütlich mäandert es von Bar zu Bar. Zu wenig steht Grischkowez über den Yuppie-Befindlichkeiten seiner Hel­den, zu ernst nimmt er ihre Oberflächen­diskurse. Der Roman endet in Saschas Bett: Morgen wird er das Hemd wechseln und die neuen, dieselben Herausforderun­gen mit Besserverdienerallüren angehen. Man muss nicht zwingend wieder dabei sein.

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