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Ein Räuber, eine Wohltat

Der Räuber Hotzenplotz wird 50. Er hat ein Denkmal verdient.

Hannes Nussbaumer

Millionen von Lesern kennen ihn, und das rund um den Globus – schliesslich räubert der Hotzenplotz aktuell in 34 Sprachen, in Frankreich als Brigand Briquambroque, in Dänemark als Röveren Runkeldunk, in China als Dadao Huochenbuluci. Die Karriere des hakennasigen, stoppelbärtigen Räubers begann vor 50 Jahren: Am 1. August 1962 brachte Kinderbuchautor Otfried Preussler den ersten der drei Hotzenplotz-Bände heraus.

Dieser erzählt die Geschichte vom Räuber, welcher der Grossmutter ihre Kaffeemühle raubt und anschliessend den Kasperl und den Seppel kidnappt. Dabei wollten die Freunde nur die Kaffeemühle zurückholen. Am Ende – nach einem furiosen Final – wird alles gut: Die beiden Freunde kommen frei, die Kaffeemaschine ist auch wieder da, der Räuber wird temporär in einen Vogel verzaubert und anschliessend, nach der Rückverwandlung, von Wachtmeister Dimpfelmoser ins Spritzenhaus gesperrt.

Bleibt die Frage: Was verschafft dem Hotzenplotz seit einem halben Jahrhundert eine ungebrochene Anziehungskraft?

Gewiss gehört die Eindeutigkeit von Gut und Böse dazu: Kasperl, Seppel und die Grossmutter stehen auf der einen, der Hotzenplotz auf der anderen Seite. Es liegt im menschlichen Wesen, dass die Guten, also wir alle, ohne das Böse nicht sein können. Wir brauchen es, um uns davon abgrenzen zu können. Jede Schandtat, von der wir erfahren, bestätigt und bestärkt uns darin, dass wir anders, besser sind. Das geht umso einfacher, wenn sich das Böse klar, eindeutig und nachvollziehbar manifestiert.

In einer Zeit, wo sich die Wachtmeister Dimpfelmosers dieser Welt mit der Manipulation des Libor-Kurssatzes oder dem spekulativen Handel mit Aktienindexfutures herumschlagen, also mit Räubereien, die wir nur vage begreifen und wo uns nur mit Nachhilfe klar wird, wer die Bösen sind und was sie getan haben – in solchen Zeiten ist ein Räuber, der bewaffnet mit einer Pistole und sieben Messern eine Grossmutter überfällt und ihr die Kaffeemühle abnimmt, eine Wohltat.

Wenn dazu die Pistole nicht einmal mit einer Kugel, sondern nur mit Pfeffer geladen ist – dann hat der Räuber wirklich ein Denkmal verdient.

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