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Ein Professor in Nöten

Dozent Hartmut Hainbach glaubt, dort angekommen zu sein, wo er hingehört – von wegen. Eine Rezension von Stephan Thomes neuem Roman «Fliehkräfte».

Thematisiert populäre Wohlstandswehwechen: Autor Thome.
Thematisiert populäre Wohlstandswehwechen: Autor Thome.

Sein Debüt wurde 2009 für den Deutschen Buchpreis nominiert, auch sein zweiter Roman schaffte es 2012 auf die Shortlist – für die Auszeichnung reichte es bei beiden Werken nicht. Dabei macht Stephan Thome, 1972 geboren, alles richtig: Er packt populäre Wohlstandswehwehchen am Schopf und in solide Erzählstrukturen. Existenzielle «Fliehkräfte» sind es in seinem neuen Roman, die einen älteren Professor aus der Lebensbahn schleudern. Stur und gekünstelt wie die Hauptfigur bleibt leider auch das Erzählte in weiten Passagen.

Spiessige Existenzchimäre

Hartmut Hainbach glaubt, dort angekommen zu sein, wo er hingehört: verheiratet, eine erwachsene Tochter, stossfester Lehrstuhl an der Bonner Universität, schickes Haus in vornehmer Wohngegend. Doch was von aussen betrachtet beeindruckend aussieht, entpuppt sich als brüchig, als spiessige Existenzchimäre. Nun greift es zu, das Ungeheuer, das sich Desillusion nennt: An der Uni hat Hainbach seinen Ruf verspielt und ist als Professor für hoffnungslose Fälle verschrien, Tochter Philippa studiert und hält die Eltern auf spätpubertärer Distanz, seit geraumer Zeit residiert Hainbach zu allem Übel allein auf dem Familienanwesen. Denn seine Frau Maria, gebürtige Portugiesin, arbeitet und lebt in Berlin. Was als Übergangslösung für Marias beruflichen Wiedereinsteig geplant war, ist zur Dauereinrichtung geworden – für Hainbach ebenso unerträglich wie das von Reformen verpestete Universitätsklima.

Also ist er mit Ende fünfzig gezwungen zu überlegen, was war und wo es jetzt noch hingehen kann. Getrieben von den Umständen überdenkt er ein Jobangebot in Berlin, feilt an der Beziehung zur Tochter und lässt alte Liebesgeschichten und etliche Ehejahre Revue passieren. Die Bilanz ist ernüchternd, Hainbachs Leben wird zentrifugiert, am Ende bleibt eine Essenz davon, ein Bodensatz an Glück. Thome sticht mit messerscharfer Prosaklinge in gutbürgerliche Existenzen, um das Sezierte auf dem Silbertablett auktorialer Erkenntnis zu präsentieren. Behäbig schleust er seine Figuren durch kopflastige Dialoge, stilisiert Liebe und entthront sie zugleich als grosse Lebensmacht. Das wirkt bisweilen manieriert, nicht nur den Figuren mangelt es an Lebendigkeit, auch das Erzählte erstarrt in intellektueller Überfrachtung.

dapd

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