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Ein Garten Eden aus Menschenhand

US-Starautor T. C. Boyle basiert seinen Roman «Die Terranauten» auf einem realen Projekt über ein zweites Leben auf dem Mars aus den 1990er-Jahren. Ein grandioses Thema. Bloss: Warum nur erfasst einen beim Lesen zunehmend Langeweile?

Er ist Wortführer der Ökobewegung im amerikanischen Raum. So erstaunt es wenig, dass sich der US-Bestsellerautor Thomas Coraghessan Boyle vom Projekt «Biosphäre 2» aus den 1990er-Jahren hat einnehmen lassen.

Es war ein grössenwahnsinniges Vorhaben: Auf der Fläche von zwei Fussballfeldern sollte in einem in sich geschlossenen System ein Leben auf dem Mars ­geprobt werden. Inmitten der Sonora-Wüste wurden unter einer Glaskuppel fünf Grosslebens­räume nachgebaut. Es gab eine künstliche Savanne, einen Regenwald und sogar einen Ozean in der Grösse eines Olympiabeckens.

3800 Tier- und Pflanzenarten wurden unter die Glas­kuppel geschleust, und acht auserwählte Erdenbürger bewirtschafteten diese zweite Welt in geschlossenen Kreisläufen. Obwohl unglaubliche Energiemengen von aussen zugeführt wurden, befeuerte umweltpolitisches Bewusstsein das Vorhaben. Die Erkenntnis nämlich, «dass unsere Spezies durch Überbevölkerung, Industrialisierung und den bedenkenlosen Verbrauch fossiler Brennstoffe im Begriff war, das globale Ökosystem zu zerstören, und einen Notausgang brauchte. Neue Welten. Neue Horte des Lebens», schreibt ­Boyle in seinem jüngsten Roman «Die Terranauten».

Realitätsnah greift dieser das Projekt auf.Nicht nur Umweltschutz, auch utopische Projekte, Aussteigerbewegungen und Gated Communities sind von jeher Kernthemen des 68-jährigen Vielschreibers T. C. Boyle. Im neuen Buch scheinen sie alle zusammenzukommen. Und auch wenn die reale Vorlage zwanzig Jahre zurückliegt und kolossal gescheitert ist, scheint das Thema prophetisch aktuell. Nicht nur, weil noch immer an Weltraumausflügen getüftelt wird. Sondern auch, weil die Suche nach einem Notausgang wieder drängend geworden ist. Wenn auch nicht primär aus umweltpolitischen Gründen.

Menschliches Experiment

Tatsächlich rückt Boyle nicht die technischen Schwierigkeiten ins Zentrum seines Romans. Es sind die menschlichen, zugespitzt auf ein Grundthema: Im Werbevideo auf der Website seines deutschen Verlags sagt der Rocker unter den US-Autoren mit sardonischem Lächeln: «Am Anfang hatte ich keine Vorstellung, wie sexy dieses Projekt ist: vier Männer, vier Frauen, zwei Jahre hermetisch eingeschlossen in einem Raum. Was werden sie tun?»

Sex spielt eine penetrante Rolle in dem Roman. Und Sex führte bekanntlich zum Rauswurf aus dem göttlichen Garten Eden. Wie also verhält es sich damit in der menschgemachten Utopie?

Zahlreich sind die biblischen Verweise, mit denen Boyle seine Geschichte garniert. Der Financier im Roman wird Gott Mammon genannt, das dreiköpfige Management trägt die Spitz­namen Gottvater, Judas und Jesulein. Spät im Roman taucht eine Figur namens Eve auf, und der Paradiesapfel in der Arche der Terranauten hat die Form eines eingeschmuggelten gigantischen Joints. Und doch ist alles höchsten so sexy wie eine Büroromanze.

Boyle hat seinen Roman rigide aufgebaut. Er schreibt chronologisch und lässt jeweils im Turnus drei seiner Figuren aus der Ich-Perspektive erzählen. Vom anfänglichen Konkurrenzkampf darum, wer es wirklich unter die Auserwählten schafft, die in diesem prestigeträchtigen Projekt die Menschheit in die Zukunft führen dürfen, bis zur Neuauflage der Auswahl zwei Jahre später, da die Crew sich periodisch erneuern soll: In den selbstbezogenen Berichten dieser Figuren spiegeln sich alle menschlichen Eitel- und Nichtigkeiten. Doch was konzeptuell schlüssig sein mag, erweist sich auf rund 600 Seiten ausgewalzt als zunehmend langfädig und zäh zu lesen.

Menschliches Versagen

«Vielleicht brauchen wir Helden und verrückte Heilige, die stellvertretend für uns handeln, aber wir wollen ganz sicher nicht mit ihnen tauschen», legt Boyle einer seiner Figuren in den Mund. Unter dem medialen Vergrösserungsglas driften Schein und Sein des Projekts immer weiter auseinander. Es ist das Erbe der Vorlage: Der «Sex unter Glas» hat den Grundstein für Reality-TV gelegt.

Und Reality-TV wiederum machte den heutigen US-Präsidenten gross. Mit ihm rückt die Frage nach einem Notausgang der Erde neu in den Vordergrund. So schliesst sich auch dieser Kreis.

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