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Ein beglückendes, verstörendes Buch

Ein Haus am See, seine wechselnden Bewohner und der Zahn der Zeit: Jenny Erpenbecks «Heimsuchung» ist ein poetischer, tiefsinniger Roman.

Über die Zeit kann man nicht schreiben. Man kann nur schreiben, was sie mit den Menschen und den Dingen macht, in 24 000 Jahren oder an einem Tag. Jenny Erpenbeck erzählt erst, ganz knapp und ruhig, von der Erdgeschichte, die die Landschaft schuf, in dem das Haus steht, von dem dann länger die Rede ist, ebenso ruhig und auch nicht allzu lang. Denn ihr Roman ist ein schmales Buch, obwohl es so viel enthält an Leben, an Aufbau, Umbau und Abbau. Sie erzählt von zwölf Besitzern oder Nutzern eines Grundstückes an einem See östlich von Berlin, im märkischen Sand, vom Ersten Weltkrieg bis in unsere Gegenwart.

Das Grundstück ist erst ein Wald. Er gehört der vierten Tochter des Dorfschulzen, Klara, die «aus der Welt des Benehmens ausgeschert», also verrückt geworden ist. Aus dem Wald wird ein Garten, darauf baut ein Berliner Architekt ein Haus mit Reetdach. Es kommen ein Bootssteg, ein Badehaus dazu, auf dem Nachbargrundstück lebt ein jüdischer Tuchfabrikant. Beide werden ihren Besitz verlieren, der Fabrikant in den Dreissigern durch erzwungenen Verkauf, der Architekt, weil er sich 1951 eilig in den Westen absetzen muss.

Lakonie des Schreckens

Unmerklich ist die Erzählung aus der Geologie in die neuere Zeitgeschichte geglitten, hat sich das Tempo beschleunigt, auch das der Eingriffe in die Natur: Es wird gerodet und gepflanzt, beschnitten und veredelt, begradigt und verschönt. Klara stammte aus einem Dorfschulzengeschlecht, das bis 1650 zurück reicht. Da war der Einzelne weniger Individuum als Teil eines Kontinuums, dem Sitte und Brauch vorschrieben, wie man zu handeln hatte. Die späteren Besitzer müssen selbst wählen, von den Zeitläuften vor brutale Entscheidungen gestellt.

Die brutalsten sind jene, bei denen man gar keine Wahl hat. So ergeht es Doris, der Grossnichte des Tuchfabrikanten, deportiert ins Warschauer Ghetto, die der Räumung in einem Versteck in einem Kleiderschrank zu entgehen hofft und schliesslich doch vom «Materialräumungskommando» entdeckt und dann erschossen wird. Ihre letzten Gedanken in Freiheit – der Freiheit eines Schrankes! – gelten dem Haus am See, in dem sie so viele Sommer zu Gast war. Es gibt viele starke Szenen in diesem Buch; diese ist kaum zu ertragen in der spröden Lakonie des Schreckens.

Immer geht es den Figuren um den Wunsch, heimisch zu werden an einem Ort, Wurzeln zu schlagen, und immer wird dieser Wunsch nur auf begrenzte Zeit erfüllt. Ludwig, der Sohn des Tuchfabrikanten, emigriert nach Südafrika, versucht dort, heimische Gewächse anzupflanzen, damit es ist wie zu Hause. Seine Erben werden später den verlorenen Grund und Boden zurückerstattet bekommen, ebenso die Erben des Architekten; aber nur, um ihn zu Geld zu machen. Und am Ende steht konsequenterweise der Abriss des Hauses, das uns inzwischen vertraut geworden ist wie ein Lebewesen.

Suche nach Idylle

Immer also geht es um den Wunsch nach Dauer in einer Zeit, die gerade das nicht zulässt, nach Idylle in einer Welt, in der auch der verborgenste Winkel erfasst und gleichgeschaltet wird. «Tand, Tand / ist das Gebilde von Menschenhand» heisst es bei Fontane (der diese Gegend auch mochte); und in der Bibel steht Ähnliches auch schon. Bei Jenny Erpenbeck bekommt diese alte Weisheit gewissermassen einen zeithistorischen Anstrich: Der Sturmwind des 20. Jahrhunderts weht jeden, der sich an diese Scholle als Inbegriff der Dauerhaftigkeit krallen will, hinweg.

Jede Figur ist, als Opfer, Täter, Zuschauer oder Wegschauer beteiligt an dem grossen Umgraben und Zurechtstutzen der Völker, den grossen Verbrechen und ihren Folgen. Schuld ist ein Thema dieses Buches, nicht aufdringlich, aber unübersehbar. Die DDR-Schriftstellerin etwa, die mit ihrem Mann 20 gute Jahre auf dem Grundstück verbringt – man mag bei ihr an Anna Seghers denken, aber wohl auch an die wirkliche Grossmutter der Autorin –, hat die schreckliche Zeit der Säuberungen in Moskau erlebt; und sie hat, aus Angst und weil sie sich selbst bedroht fühlte, einer Freundin die Hilfe verweigert.

Solche persönlichen Belastungen durchziehen das Buch; damit leben zu lernen ist eine ebenso wichtige Lektion wie das Verlieren lernen. «Heim, nur noch heim» will wiederum ein Beamter, der im Osten erlebt, wie die Juden umgebracht werden. Er lässt sich dann doch nicht versetzen. Dieses «heim» gibt es ohnehin nicht mehr, «daheim hatte sich in die Zeit selbst verwandelt, die hinter ihm lag.»

Alle Versuche, sich eine «dritte Haut» mit dem Haus zu verschaffen, glücken nur provisorisch. Der Einzige, dem man wirkliche Dauer im Wechsel zugestehen will, ist der Gärtner, der zwischen den Kapiteln zuverlässig auftaucht und Bäume beschneidet, Sträucher düngt und das Unterholz lichtet.

Ruhige Beobachterposition

Das Erstaunlichste an diesem beglückenden und verstörenden Buch ist sein Ton. Jenny Erpenbeck erzählt aus einer ruhigen Beobachterposition, die zugleich ganz dicht bei ihren Figuren ist, aus deren Blickwinkeln sie jeweils spricht. Sie weiss alles, ohne damit herumzufuchteln, und unterspielt jeden Effekt, der sich anzubieten scheint. Ihr Erzählen wirkt so natürlich wie das, was der Gärtner Jahr für Jahr herstellt: Natur, die doch nichts anderes ist als Kunst. Sie beherrscht den fast raunenden Märchenton, aus dem die Töchter des Dorfschulzen vor unseren Ohren erstehen, ebenso wie schneidende Sätze über Verfolgungsgewinnler; die Käufer des jüdischen Hausrates haben Namen und Preise. Die Ermordung des Mädchens Doris erscheint, über den Akt der physischen Vernichtung hinaus, als «Rücknahme» einer ganzen Welt (ähnlich hat das Hans Mayer in seinem Essay «Der Widerruf» formuliert) der Welt, die sich in diesem Mädchen verkörperte, aber auch einer Welt, in der Humanität noch ein Ziel war und kein Schimpfwort.

Wenn sie von der Natur schreibt, was nicht das einfachste ist, wird sie besonders stark. Passagen wie die folgende erinnern an die Gedichte des späten Brecht: sparsam die Mittel, gross die Wirkung. «Heim. Wenn es regnet, riecht man die Blätter des Waldes und den Sand. Alles klein und mild, die ganze Landschaft dort am See, so überschaubar. Die Blätter und der Sand so nah, als könne man sie sich, wenn man nur wolle, überziehen. Und der See leckt immer nur schwach am Ufer, leckt an der Hand, die man in ihn hineinsteckt, wie ein junger Hund, und das Wasser ist weich und flach.» Jenny Erpenbeck, die gerade den Solothurner Literaturpreis erhalten hat, stammt aus Ostberlin, wuchs in der DDR auf und ist 41 Jahre alt. So schreiben wie sie können nicht viele ihrer Generation.

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung. Roman. Eichborn, Berlin 2008, 190 S., ca. 33 Fr.

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