Die Sinne wissen mehr als der Verstand 

Der ungarische Erzähler Péter Nádas kommt nach Zürich. Im Gepäck hat er seine gesammelten Essays aus der Zeit von 1989 bis 2014. Es geht um sein Dorf, den Populismus – und C. G. Jung.

Péter Nádas: Der ungarische Autor bleibt in seinen Texten nahe bei den Dingen. Foto: Gáspár Stekovics

Péter Nádas: Der ungarische Autor bleibt in seinen Texten nahe bei den Dingen. Foto: Gáspár Stekovics

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Péter Nádas entwirft in seinen umfangreichen Romanen einPanorama mitteleuropäischen Lebens im 20. Jahrhundert. Mit ruhiger, präziser Hand zoomt der studierte Chemiker und gelernte Fotograf vom Grössten zum Kleinsten, vom Hauptsächlichen zum scheinbar Nebensächlichen. In seinem Werk verschmelzen so seine Kindheitserinnerungen und historische Ereignisse zu einer einzigartigen Einheit.

Wer in Nádas’ Welt eintaucht, wird dieser leisen, sanften und eindringlichen Stimme fasziniert lauschen. Weder sucht noch braucht sie den literarischen Knalleffekt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Péter Nádas bleibt nahe bei den Dingen, um so das zur Sprache zu bringen, was sie in uns auslösen – ja, was sie am Ende selbst sind. Da die Vernunft der sinnlichen Wahrnehmung nachgelagert ist, versucht er, um keinem reinen Intellektualismus zu huldigen, zu den Ursprüngen selbst zu gelangen.

Worte sind Gefühle 

Im Buch «Aufleuchtende Details. Memoiren eines Erzählers», das 2017 in der kongenialen Übersetzung der Schweizerin Christina Viragh erschienen ist, schreibt Péter Nádas: «Zuerst ist das Sehen da, erst danach das Wort und das Denken.» Das bedeutet nicht nur, dass «im Wort das Gefühl schon vorgegeben» ist, sondern auch, dass Empfindungen nur dann im Bewusstsein – und in der Erinnerung – bleiben, wenn es dafür auch Worte gibt. «Die Sinnlichkeit versteht und flüstert einem die Sachen viel früher ein als der Verstand.»

Diese Überlegungen zeigen, dass der Künstler, besonders wenn er so belesen und gebildet ist wie Péter Nádas, vor einer schwierigen, ja kaum lösbaren Aufgabe steht: Als Romancier muss er seinen Verstand überlisten, um an die archaischen Erfahrungen heranzukommen. Als Essayist hingegen ist er auf die Reflexion angewiesen. So vermittelt der 1942 in Budapest geborene Schriftsteller zwischen den divergenten Disziplinen.

Wie bei einem so vielseitigen und breit interessierten Autor wie Péter Nádas nicht anders zu erwarten, geht es in den nun vorliegenden Essays um ganz verschiedene Dinge: die Tagebücher von Thomas Mann, die Politik von Václav Havel und Madeleine Albright, die Werke von Imre Kertész und Alexander Solschenizyn, die Bilder von Claude Monet und Alexandre Hollan. Und der titelgebende Essay «Leni weint» handelt von Hitlers Hofkünstlerin Leni Riefenstahl, die trotz ihrer verbrieften Nähe zum Nationalsozialismus in späteren Jahren ebenso instinktsicher wie eloquent auf Distanz ging zu ihren Idealen.

Psychologie des Baumes

Drei Themen der Aufsätze seien hier herausgepickt: Péter Nádas misst der Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs eine zentrale Rolle in seiner seelischen und geistigen Entwicklung bei. Das habe, so der Schriftsteller, wesentlich mit dem Konzept des kollektiven Unbewussten zu tun. Dieses bette nämlich das zur Melan­cholie neigende Individuum in ein grösseres, umfassendes Ganzes ein.

Ende der 60er-Jahre sei er suizidgefährdet gewesen; die Arbeiten des Schweizers hätten sein Leben in andere Bahnen gelenkt und so tief greifend verändert. «Meine Träume, Wachträume und Assoziationen haben unter dem Gesichtswinkel von Religion, Mythologie und Meditation einen anderen Stellenwert gewonnen.» Das Individuelle, das er bei Sigmund Freud kennen gelernt habe, sei um eine neue Dimension bereichert worden: Wie kein Zweiter habe C. G. Jung das mächtige Reich des Mythos, der Archaik und der Magie ausgeleuchtet.

Ein weiteres Thema, das mit der Tiefenpsychologie lose zusammenhängt, ist die Liebe des Autors zur Natur, insbesondere zu Bäumen. Péter Nádas lebt mit seiner Frau Magda Salamon auf dem Land in dem kleinen Dorf Gombosszeg. Dort versucht er, autark zu leben mit dem, was der Garten hergibt. Er wolle, so der Autor, der Erde nicht zu sehr zur Last fallen.

Subtil beschreibt sein Aufsatz «Behutsame Ortsbestimmung» die ungeschriebenen Gesetze und Regeln des Dorflebens. Es herrsche ein übergeordnetes kollektives Bewusstsein, das die individuellen Wünsche in die Schranken weise: «Wenn das Dorf etwas tut oder wahrnimmt, dann haben weder die Handlung noch die Wahrnehmung ein Subjekt.» Bei der Beschreibung des Archetypus eines Baumes mit Wurzel, Stamm und Krone zieht Péter Nádas Parallelen zur psychoanalytischen Dreiheit von Unbewusstem, Bewusstem und Über-Ich. Dabei denkt er weniger an Freud als an Jung (und Paracelsus).

Es ist nun aber nicht so, dass Péter Nádas ein unpolitischer Schriftsteller wäre, der bloss dem archaischen Landleben frönt. Seine voluminösen Werke vom «Buch der Erinnerung» über «Parallelgeschichten» bis «Aufleuchtende Details» belegen das Gegenteil. Darum beschäftigt er sich in seinen Essays auch mit dem zunehmenden Populismus in Ungarn.

Die Hauptursache für dessen Aufschwung sieht der Essayist im Fehlen einer starken Mittelschicht, die ein notwendiges Fundament jeder Demokratie sei. Die kommunistischen Diktatoren hätten das ungarische Bürgertum bekämpft und im Kern zerstört. Und nach der Wende 1989 habe die Zeit, mitunter aber auch der politische Wille gefehlt, dieses Bürgertum wieder aufzubauen.

Péter Nádas stellt sein Buch am Donnerstag, 24. Januar, um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich vor. 

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