Die neue Unsicherheit

70 Jahre europäische Zeitgeschichte auf 800 Seiten: Ian Kershaws «Achterbahn» liefert eine brillante Synthese eines überaus komplexen Kontinents. Ein Meisterwerk.

Der Durchbruch: Der Fall der Berliner Mauer symbolisiert das Ende des Kalten Krieges und der Zweiteilung Europas. Foto: Patrick Piel (Getty Images)

Der Durchbruch: Der Fall der Berliner Mauer symbolisiert das Ende des Kalten Krieges und der Zweiteilung Europas. Foto: Patrick Piel (Getty Images)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Der erste Band, über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, trug den überzeugenden Titel «To Hell and Back» (der deutsche Verlag machte «Höllensturz» daraus). In zwei katastrophalen Kriegen hatte sich Europa selbst zerfleischt, zurück blieb ein Trümmerfeld – physisch, ökonomisch, mental. Daran gemessen erscheint die folgende Zeit, von 1950 bis heute, wie ein märchenhafter, unaufhaltsamer Aufstieg.

Warum gibt der britische Historiker Ian Kershaw seinem neuen Buch den Titel «Achterbahn» (im Original entsprechend: «Roller-Coaster»)? Weil ihm bei genauerer Betrachtung die Nachkriegsgeschichte Europas als ein ständiges Auf und Ab, ein Beschleunigen und Abbremsen erscheint. Einen roten Faden, ein übergreifendes Thema für 70 Jahre und rund 40 Länder, hat auch Ian Kershaw, ein Meister der Synthese und Verdichtung, nicht gefunden. Aber einen Bogen mit Anfangs- und Endpunkt schlägt er doch: Er überspannt «zwei Unsicherheiten». Die erste ist der drohende Atomkrieg durch zwei hochgerüstete Supermächte, die zweite beherrscht die Gegenwart – ein «vielschichtiges, alles durchdringendes Unsicherheitsgefühl».

Zahlreich sind die Probleme, vor denen Europa steht; sie greifen weit über den Kontinent hin­aus, und ihre Lösung ist nicht in Sichtweite. Kershaw fasst sie im Schlusskapitel seines Buches bündig zusammen. Lässt sich der Klimawandel begrenzen? Wie wird die Energieversorgung gewährleistet, wenn erheblich weniger CO2 verbrannt werden darf? Wie verkraften die Gesellschaften demografischen Wandel und Migrationsdruck? Globalisierung und Liberalisierung der Wirtschaft haben die Kluft in der Bevölkerung vertieft; das Gefühl für kollektive Verantwortung ist geschwunden; wird das zu sozialen Unruhen führen? Die Umwälzung der Arbeitswelt bedroht die Lebensplanung der Menschen; ihr Sicherheitsgefühl wird auch durch wachsenden Terrorismus unterminiert.

Überaus positive Bilanz

Das sind tatsächlich gravierende Probleme, die, weil sie einander beeinflussen und verstärken, jedem Politiker den Schlaf rauben müssen. Nicht jedoch dem Historiker! Ian Kershaw schlägt einen gelassenen, nüchternen Ton an und zeigt, indem er an Ereignisse erinnert, von denen wir nicht wissen (oder die wir vergessen haben), dass sich die Dinge aus der Vogelschau oft relativieren. Etwa der Terrorismus: Die Gewalttaten der IRA (inklusive Racheakte ihrer Gegner) und der ETA haben deutlich mehr Opfer gefordert als alle islamistisch motivierten Terroranschläge in Europa, nämlich 3500 (Nord­irlandkonflikt) und 1000 (Baskenland).

Überhaupt fällt die Bilanz überwältigend positiv aus. Die meisten Europäer leben in Rechtsstaaten, in Frieden, Freiheit und relativem Wohlstand. Blutige Auseinandersetzungen wie in der ersten Jahrhunderthälfte sind unvorstellbar (die Ausnahmen – Jugoslawien und Ostukraine – verschweigt Kershaw nicht). Auch die Europäische Union betrachtet der Autor bei allen Schwächen, bei allem Reformbedarf, eindeutig als Errungenschaft.

Was sich indessen nicht herausgebildet hat, ist eine europäische Identität, ein gemeinsames Bewusstsein des Kontinents. Die Nation, stellt Kershaw fest, bildet immer noch den entscheidenden Identitätsrahmen. Das hat wiederum mit der Geschichte zu tun, die ja Polen und Portugiesen, Engländer und Deutsche jeweils ganz anders erlebt haben. Eine gemeinsame Geschichtserzählung ist da unmöglich. Schon deshalb glaubt Ker­shaw nicht an einen bevorstehenden engeren Zusammenschluss.

Mit «Achterbahn» ist Ian Ker­shaw, nach der zweibändigen Hitler-Biografie und «Höllensturz», erneut ein Meisterwerk gelungen.

Auch betrachtet er den Kontinent nicht isoliert – was auch, vom Kolonialismus bis zur Globalisierung, gar nicht möglich wäre. Man vergisst leicht: In den 1950er-Jahren verfügten England, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Portugal noch über riesige Gebiete in Afrika und Asien, die sie ausbeuteten. Umgekehrt stiess die Subprime-Krise in den USA die europäischen Staaten in tiefe Verschuldung, machte Millionen arbeitslos und führte zum Aufstieg populistischer Bewegungen.

Kershaws nüchterne Betrachtung schliesst klare Urteile und Wertungen nicht aus. Den Brexit etwa findet er selbstmörderisch, und gegenüber dem Ruf nach mehr Volksabstimmungen äussert er unverhohlene Skepsis: «Damit wird der Spielraum für Manipulation, für Appelle an Emotionen anstelle von ratio­nalen Argumenten beträchtlich erweitert.» Dies mag auch für Schweizer Leser bedenkenswert sein, deren Land ansonsten so gut wie gar nicht vorkommt.

Wie er in einem einzigen Absatz Putins Herrschaftssystem oder den Zeitgeist des Postmodernismus verdichtet, das ist brillant.

«Rest-Europa» enthält aber genug, um das zu verschmerzen. Mit «Achterbahn» ist Ian Ker­shaw, nach der zweibändigen Hitler-Biografie und «Höllensturz», erneut ein Meisterwerk gelungen. Es erzählt die historischen Abläufe in ihrer Folgerichtigkeit, ohne in die Falle des Determinismus zu geraten – immer hätte es auch anders kommen können. Er verbindet die analytische Präzision im Detail mit der Kraft zur Synthese.

Wie er in einem einzigen Absatz Putins Herrschaftssystem oder den Zeitgeist des Postmodernismus verdichtet, das ist brillant. Man möchte sein Buch jedem jungen Menschen in die Hand drücken, damit er begreift, dass Frieden und Wohlstand nichts Selbstverständliches sind. Und auch jedem älteren, der verächtlich auf die EU herabsieht. «Achterbahn» ist ein wunder­bares Beispiel dafür, wie die Kenntnis der Geschichte hilft, die Gegenwart richtig zu verstehen.

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