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Die Migranten-Versteherin

Die New Yorker Autorin Jeanine Cummins hat mit ihrem neuen Buch «American Dirt» eine heftige Debatte um Identität ausgelöst.

MeinungSalome Müller
Jeanine Cummins stösst mit ihrem Roman auf viel Empörung und Unverständnis. Foto: Heather Sten/The New York Times/Redux/laif
Jeanine Cummins stösst mit ihrem Roman auf viel Empörung und Unverständnis. Foto: Heather Sten/The New York Times/Redux/laif

Als Ereignis war der Roman «American Dirt» angekündigt worden, lange bevor er erschienen war. Und zu einem Ereignis ist er auch geworden – aber anders als erhofft. In ihrem neuen Buch erzählt die US-Autorin Jeanine Cummins die Geschichte einer mexikanischen Mutter, die mit ihrem Sohn in den Norden flieht. Sie wollen über die amerikanische Grenze. Ein Drogenkartell hat ihren Mann und andere Familienangehörige erschossen, Mutter und Sohn können nicht mehr bleiben. So werden zwei Menschen auf einmal zu Flüchtenden, die wie Millionen andere ihre Heimat verlassen in der Hoffnung auf ein sicheres, besseres Leben anderswo.

Autoren wie John Grisham und Stephen King hatten den Roman als «klug und authentisch» angepriesen, als «wichtige Stimme in der Diskussion über Immigration und die Migranten». Oprah Winfrey beschrieb das Buch auf Instagram als «ausser­gewöhnlich». Die «New York Times» publizierte einen Vorabdruck, und der Verlag Flatiron erhöhte die erste Auflage auf 500'000 Exemplare. Am 21. Januar schliesslich erschien «American Dirt» in den USA. Und seither stösst der Roman auf viel Empörung und Unverständnis.

Appetit der Gringos auf mexikanisches Leid

Es werden jene Stimmen laut, die in «American Dirt» einen typischen Mechanismus erkennen: Eine weisse, privilegierte Autorin meint, die Erfahrungen einer wenig privilegierten Menschengruppe beschreiben zu können. Und tut dies von oben herab, holzschnittartig.

Autorinnen mit lateinamerikanischem Hintergrund fanden, es gebe geeignetere Erzählerinnen für solche Geschichten. Die mexikanisch-amerikanische Schriftstellerin Myriam Gurba warf Cummins vor, «den Appetit der Gringos auf mexikanisches Leid» erkannt zu haben. Andere sahen in diesem neusten Fall bestätigt, dass der amerikanische Literaturbetrieb nicht-weisse Autorinnen und Autoren diskriminiert – eine Untersuchung 2019 ergab, dass die Branche zu drei Vierteln aus weissen Amerikanern besteht.

Lesetermine aus Sicherheitsgründen abgesagt

Jeanine Cummins, Amerikanerin mit irischen und puerto-ricanischen Wurzeln, bezeichnete sich vor Jahren selbst als «weisse Autorin». Bei «American Dirt» gestand sie ein, dass die Geschichte von jemandem hätte erzählt werden sollen, der «ein wenig brauner ist als ich». Jetzt aber schweigt sie zu den Angriffen. Die sind inzwischen so heftig, dass der Verlag alle Lesetermine aus Sicherheitsgründen abgesagt hat.

Vor diesem Hintergrund ist erhellend, was Cummins im Sommer 2018 in der «New York Times» schrieb. Da erzählte sie von der Zeit, als sie sich als Pflegemutter um ein traumatisiertes Kind kümmerte. Plötzlich fürchtete sich die eigene Tochter, von den Eltern getrennt zu werden. Wenn es diesem Kind passiert sei, dann könne es doch auch mit ihr geschehen? Cummins versuchte, zu beruhigen. Sie sagte: «Das betrifft nur Eltern, die sich nicht kümmern können oder nicht wollen.»

Dann häuften sich Schlagzeilen von Flüchtlingskindern, die an der amerikanischen Grenze von ihren Eltern getrennt wurden. Menschen, die für ihre Kinder ein besseres Leben wollten, aber daran gehindert wurden. Cummins realisierte, dass sie falsch lag und ihre Tochter richtig. Dass vieles im Leben fragil ist, zufällig – und eine Frage der Perspektive.

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