Die Königin des Kitsch ist tot

Utta Dannella ist tot. Sie war die kommerziell erfolgreichste Autorin deutscher Sprache nach 1945 .

Lara Joy Körner und Daniel Morgenroth in der Danella-Verfilmung von «Die Hochzeit auf dem Lande».

Lara Joy Körner und Daniel Morgenroth in der Danella-Verfilmung von «Die Hochzeit auf dem Lande».

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Zu Münchens Promi-Szene gehörte sie nicht. Sonst hätte man ihren Tod kaum so lange geheim halten können. Schon Anfang Juli, so teilte die Familie jetzt mit, ist Utta Dannella 95-jährig gestorben, längst auch zu Grabe getragen. Sie war kein Gesicht, das man kannte – anders als ihre männlichen Bestseller-Kollegen Simmel und Konsalik, die gern das Licht der Öffentlichkeit suchten und sich an ihrem Erfolg labten. Auch an Buchtitel erinnert man sich kaum – wohl aber an den Namen. Er war eine Marke. So sehr, dass die ARD, die eine ganze Reihe ihrer Romane verfilmen liess, den Filmen diesen Namen voransetzte. Als Gütesiegel gewissermassen.

Gütesiegel wofür? Für das Genre, die Plots, die Gefühle. Utta Danella schrieb romantische Melodramen. Darin ging es, gern im Rahmen der jüngeren Zeitgeschichte oder auch eines prächtigen Hotels im Park, um Schicksalsschläge, die von schwer erschütterten Frauen dennoch tapfer ertragen werden; um Männer, die zwischen einer intriganten und einer lieben Frau stehen, lange nicht merken, welche die richtige ist, aber endlich «eine Entscheidung treffen müssen», wie die wohltemperierte Spannung verheissende Lockvogelformulierung lautet.

Über Irrtum und Erkenntnis zum Happy End

Oder um eine dunkle Vergangenheit, die spät ans Licht kommt und die Betroffenen «läutert». Das alles setzte bei ihren begeisterten Leserinnen (es waren überwiegend Leserinnen) «Emotionen» frei, wie das heute in der Sportberichterstattung heisst, und den Wunsch nach dem nächsten Schmöker.

Die Plots führen Held und Heldin unweigerlich durch Höhen und Tiefen, über Irrtum und Erkenntnis zum Happy End (dem eigentlichen Gütesiegel ihrer Bücher). Aus Utta Danellas Seiten trieft durchaus nicht der Kitsch; sie schrieb eher einen schlichten Stil, die Sätze selten länger, als es auch das Lehrbuch für Boulevardjournalisten für angemessen hält. Einfach ist auch das Vokabular, einfach die Psychologie, voraussehbar wie manche Wendung der Handlung das jeweils zum Substantiv passende Adjektiv. Das Personal ist stereotyp – der gütige Patriarch, der junge Hallodri, der verkannte Seelenfreund etc.

Eine starke, unabhängige Frau

Neben dem glücklichen Finale, das gern von entsprechenden Landschaftseindrücken begleitet wird (rotglühender Abendhimmel über dem weiten Meer), lieferte die Autorin immer auch die Moral zur Geschicht’: «Ohne Hoffnung kann ein Mensch nicht leben» etwa oder «Ein Mensch kann nur wirklich glücklich sein, wenn er andere Menschen glücklich macht.»

Utta Danella, 1920 in Leipzig geboren, mit bürgerlichem Namen Uta Denneler, war eine starke, unabhängige Frau mit der festen, aus eigener Erfahrung gewonnenen Überzeugung, Frauen seien das stärkere, das souveränere Geschlecht. Ihren ersten Roman «Alle Sterne vom Himmel» schrieb sie heimlich auf dem Dachboden; ihr Mann sollte nichts merken.

Unsterblichkeit der Utta-Danella

Das 1000-Seiten-Manuskript wurde von etlichen Verlagen abgelehnt, angenommen hat es schliesslich Franz Schneekluth, der ihr allerdings die Kürzung auf die Hälfte abrang. Schneekluth fand auch das Pseudonym für seine Autorin, die nach dem Tod ihres Förderers zu Albrecht Knaus und Hoffmann & Campe wechselte. Früh verwitwet, produzierte sie Romane am Stück (43 wurden es insgesamt), und erschrieb sich ein Vermögen. Auf 70 Millionen wird die Gesamtauflage geschätzt.

Wachsen wird sie allerdings nicht mehr. Aus dem Buchhandlungen und den Verlagskatalogen sind die Bücher verschwunden. Ihre Leserinnen sind ihr weggestorben oder zu jüngeren, frecheren Kolleginnen abgewandert. Die Nachfolgerinnen auf der Bestsellerliste heissen Dora Heldt oder Dörte Hansen. Nur das Deutsche Fernsehen glaubt an die Unsterblichkeit der Utta-Danella-Leserschaft und strahlt unermüdlich Utta-Danella-Verfilmungen aus. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.08.2015, 15:28 Uhr

Utta Danella.

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