Der ungeheure Mord(s)spass

Jährlich erscheinen im deutschsprachigen Raum gegen 2000 Krimis – und nächste Woche gastiert das «grösste Krimifestival Europas» in der Region. Höchste Zeit für ein paar skrupellose Fragen.

Tod in der weiss gekachelten Dusche: Die legendäre Szene aus Alfred Hitchcocks «Psycho» (1960) mit dem bestorchestrierten Filmmord aller Zeiten.

Tod in der weiss gekachelten Dusche: Die legendäre Szene aus Alfred Hitchcocks «Psycho» (1960) mit dem bestorchestrierten Filmmord aller Zeiten.

(Bild: zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Nein, man muss nicht bei Kain und Abel beginnen. Um Gottes Willen. Aber man kann. Kain und Abel, der erste Krimi der Menschheitsgeschichte: Er erzählt davon, was es geschlagen hat in der nachparadiesischen Welt. Das zersprengte Idyll wird zur Bühne einer Familientragödie, über die man heute wohl überrumpelt berichten würde. «Brudermord in Bauernfamilie!» Dieser Kain, so ein netter Kerl, würde die Nachbarin dem Lokalfernsehen fassungslos zu Protokoll geben. Und anfügen, so etwas kenne sie nur aus Krimis.

Marktanteile verloren

«Kain. Mord im Morgengrauen» – kein Zweifel: Dieser Krimi würde grausam untergehen in der Flut von Neuerscheinungen (mit oft miserablen Titeln). Allein im deutschsprachigen Raum sollen jährlich 1800 bis 2000 Krimis erscheinen, zwei Drittel davon Übersetzungen. Sagen detektivische Statistiker. Und sie sagen auch: In den letzten Jahren ist rund ein Drittel des Umsatzes an belletristischer Literatur durch «Bücher im Bereich Spannung» erwirtschaftet worden, also durch Kriminalromane und Thriller. Tendenz: zuletzt sinkend. Während der Belletristikumsatz insgesamt zulegte, hat die Spannungsliteratur sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz Anteile verloren. Im Schweizer Markt trugen Krimis 2012 noch 25 Prozent zum Belletristikumsatz bei.

Der Krimiboom ist zu Ende! Das rufen schon die einen. Die Totschlagliteratur ist so lebendig wie nie! Das bellen die anderen. Glück hat, wer den Überblick zu haben glaubt. Auch bei der Frage, die am Genre hängt wie die Schmeissfliege an der Leiche: Masse oder Klasse? Kann und soll ein Krimi mehr sein als abgedroschene Schemenliteratur? Was bedeutet es, wenn im Internet aufrichtige Anleitungen zum Krimibasteln kursieren? Und wenn sich die Zahl der deutschsprachigen Kriminalautoren, die in der Gruppe «Syndikat» zusammengeschlossen sind, in wenigen Jahren auf 800 verdoppelt hat?

Einer, der dazu eine dezidierte Meinung hat, ist Werner Morlang, renommierter Germanist, Publizist und Krimikenner. «Die Qualität ist schlechter geworden», sagt der gebürtige Oltner. «Der Krimi als Genre hat das Subversive, das er mal hatte, weitgehend eingebüsst. Keiner scheint davor gefeit zu sein, sich einen Krimi zuzutrauen. Sogar der ehemalige Stadtpräsident von Zürich, Sigi Widmer, hat mal einen abgesondert.»

«Bauchschlitzer» ausser Mode?

Das Votum eines elitären Nostalgikers? Nicht wirklich. Morlang nimmt die Mechanismen des Markts nüchtern in den Blick: Aus dem verruchten Genre von einst ist in den letzten 20 Jahren ein einträglicher «Markenartikel» geworden, der Unverwechselbarkeit vorgibt und Treue einfordert. Und das in einem stark ausdifferenzierten Markt, der zunehmend unübersichtlich erscheint. Ist der Boom der brutalen Serientäterthriller – im Verlagsjargon auch «Bauchschlitzer» genannt – eigentlich schon vorbei? Und was zum Teufel kommt als Nächstes?

Diese Wochenende findet in Berlin ein hochkarätiges Krimisymposium statt. Mit dabei: Thomas Wörtche, der renommierteste deutsche Krimirezensent. Wörtche sagt: «Eine Qualitätsdiskussion beim Krimi ist überfällig.» Das Genre, so Wörtche, marginalisiere sich selbst durch «Überproduktion» und «alberne Selbstdarstellung» – zum Schaden «erstklassiger» Krimiliteratur auf der Höhe der Zeit.

Die trainierte «Panikmuskulatur»

Gut gebrüllt. Doch das Kernphänomen harrt noch der Aufklärung. Woher kommt die Krimiversessenheit, dieser ungeheuere Mord(s)spass? Ein haarsträubender Fall ganz nach dem Gusto von Philip Maloney. Beginnen wir die Ermittlung beim Krimiexperten der «Zeit»: Ist es etwa so, wie es Tobias Gohlis behauptet? Dass der alltagsgebeutelte «Bürger» als Krimikonsument die «Panikmuskulatur» trainiert?

Werner Morlang, der Literaturexperte, zielt eher auf das «Grundmuster von Spannung und Entspannung», das den meisten Krimis eingeschrieben ist: «Es hat etwas ungemein Befriedigendes, wenn die bürgerliche Ordnung durch ein schreckliches Ereignis beschädigt und am Ende wieder zurechtgerückt wird.»

Am Spektakulärsten indes klingt die Sündenbocktheorie. Dorothee Frank, Autorin des Buchs «Menschen töten» (2006), erklärt: «Mörder sind meist ganz normale Menschen. Nur wollen wir das nicht wahrhaben. Wir projizieren unsere eigenen Tötungsgelüste auf andere, die das Böse gewissermassen für uns tun – und uns in gewisser Weise davon befreien. Solch ‹entspannende› Projektionsfiguren sind reale Mörder, die wir ausgrenzen, als ob sie nichts mit uns zu tun hätten. Aber es können auch fiktive Krimimörder sein.» Die Sündenbocktheorie also? «Sehr interessant, die hat was», meint der Psychoanalytiker Peter Schneider. «Man muss auch bedenken: Grausamkeiten begegnen uns heute im Alltag kaum noch. Das war früher anders. Noch bis ins 19.Jahrhundert gab es zum Beispiel öffentliche Hinrichtungen. Die Fantasien aber kreisen weiter, und sie werden durch Krimis spezifisch bedient.» Schneider erwähnt auch das Phänomen der «Angstlust» (Thrill), einer «Erregung, die ihre Lustqualität gerade daraus schöpft, dass sie diffus ist und zwischen Angst und Lust oszilliert». So geht das!

Berner Zeitung

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