Der Tanz um den Büffel

Schummrige Saloons, die Weite der Prärie und Büffelherden: John Williams wiederentdeckter Roman «Butcher’s Crossing» ist Literatur im Breitbandformat. Ein Western, der kein Western ist – und ein Buch von existenzieller Wucht und Schönheit.

Natur als göttliche Offenbarung oder zerstörerische Gewalt: John Williams verhandelt in seinem Roman den Mythos der Eroberung des Wilden Westens.

Natur als göttliche Offenbarung oder zerstörerische Gewalt: John Williams verhandelt in seinem Roman den Mythos der Eroberung des Wilden Westens.

(Bild: Keystone Jim R. Bounds)

Er ist gerade einmal dreiundzwanzig Jahre jung, stammt aus bestem Haus, hat in Harvard studiert, sein Vater ist Laienprediger. «Jetzt bist du noch weich», sagt Francine, die hübsche Hure in Butcher’s Crossing, die gerade nicht arbeitet und sich ihm annähert. «Wenn du zurückkommst, wirst du hart und rau sein, wie die anderen Männer.»

Es sind die Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts. Will Andrews ist von Boston nach Kansas in die Stadt der Büffeljäger gekommen. Auf der Suche nach seinem wahren Selbst, das er unter den Schichten der Zivilisation in der Wildnis zu finden hofft, schliesst er sich einem Jagdtrupp an. Die grosse Zeit der Büffelfelle ist eigentlich schon vorbei, die Herden sind weitgehend ausgerottet. Doch Miller, der Mann, dem Andrews folgt, hat in einem versteckten Hochtal in den Bergen von Colorado vor Jahren eine riesige Herde gesehen. Mit Planwagen, Ochsengeschirr und Pferden, einem mürrischen Häuter und dem einarmigen Alkoholiker Charley als Wagenlenker und Koch brechen sie aus der Büffeljägerstadt auf.

Es ist der Mythos der Eroberung des Wilden Westens, den der US-amerikanische Autor John Williams (1922–1994) in «Butcher’s Crossing» verhandelt. Dabei versetzt er seinen 1960 erschienenen Roman mit allen Ingredienzen eines klassischen Western. Doch er nimmt das Genre der Trivialliteratur als Folie. Dass es kein gutes Ende nehmen wird, weiss, wer die beiden Zitate liest, die Williams seinem Roman voranstellt: eine Passage aus R.W.Emersons Essay «Nature», wo der Philosoph die Natur als wahre Quelle der göttlichen Offenbarung feiert.

Und das vernichtende Gegenargument seines Zeitgenossen Herman Melville, Verfasser von «Moby Dick», über die zerstörerische Gewalt der Natur. Vor dieser Fallhöhe findet der Roman statt. Zeitlich verortet verhandelt er zeitlose, existenzielle Fragen. Und die Jagd nach den Büffeln wird zur Parabel, die bis in unsere heutige Zeit weist.

Gemalte Landschaften

Zunächst ist die Natur schön. Und schön ist auch Williams Prosa. Geschmeidig perlen die Sätze. Der Autor, der neben Romanen Gedichte geschrieben hat, malt die Landschaften des mittleren Westens im Breitbandformat. Man fühlt den Staub in den Augen brennen, sieht das Präriegras in wechselndem Licht, riecht das verwesende Büffelfleisch. Detailgenau beschreibt Williams, wie Bleikugeln gegossen werden oder wie man erlegten Büffeln die Haut abzieht, und steht damit einem Hemingway in nichts nach.

«Etwas Schwarzes bewegte sich unter den dunklen Kiefern, die am gegenüberliegenden Berghang des Tals wuchsen. Am Rand dieses Fleckens verlief eine leichte Wellenbewegung, dann erbebte der Fleck selbst wie eine grosse Wasserfläche, die von verborgenen Strömungen bewegt wird»: Als die Truppe die Herde findet, beginnt das grosse Abschlachten.

Systematisch erschiesst Miller nach und nach nahezu alle fünftausend Büffel, die Felle werden mitgenommen, die nackten Kadaver bleiben zurück und verrotten. Es ist nicht Blutrausch, nicht Gier. Andrews erkennt es als «kalte, hirnlose Reaktion auf das Leben, auf das Miller sich eingelassen hatte». Doch die Natur schlägt zurück: Der Wintereinfall kommt, später schwellen die Flüsse an, auch die Nachfrage nach Fellen unterliegt ihren eigenen Gesetzen.

Die grosse Leere im Westen

Dort, wo «so etwas Schönes wie die eigene, unentdeckte Natur» auftauchen sollte, bleibt Leere zurück, wie sie Williams, der zweieinhalb Jahre bei den Army Air Forces in Indien und Burma stationiert war, wohl nur zu gut kannte. Eine Leere der Seele, die sich im Buch in dem verkommenen Städtchen nach dem Ende des Büffelrausches spiegelt. «Butcher’s Crossing» ist ein Entwicklungsroman mit umgekehrten Vorzeichen, der nicht die Natur verherrlicht, sondern von Verrohung erzählt. Er tut es mit grosser Poesie und zeitloser Schönheit.

«Butcher’s Crossing»: John Williams, dtv, 368 S.

Berner Zeitung

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