Der Stoff unseres Wohlstands

Ein neues Buch erzählt am Beispiel des «weissen Goldes» Baumwolle die brutale Geschichte des Kapitalismus. Die Schweiz ist darin gleich mehrfach verstrickt.

Ökonomie der Ausbeutung: Ein US-Farmer posiert mit seinen schwarzen Arbeitern und Hunden in einem Baumwollfeld (um 1908). Foto: Getty Images

Ökonomie der Ausbeutung: Ein US-Farmer posiert mit seinen schwarzen Arbeitern und Hunden in einem Baumwollfeld (um 1908). Foto: Getty Images

Andreas Tobler@tobler_andreas

Angesichts der globalen Waren- und ­Finanzströme ist die Welt zu einem Knäuel unentwirrbarer Verstrickungen geworden. Als Konsumenten und Kontobesitzer sind wir alle Teil davon. Nun bringt ein Buch Ordnung in diese Wirrnis – zumindest in historischer Perspektive: In «King Cotton» erzählt der deutsche Historiker Sven Beckert die Geschichte des globalen Kapitalismus am Beispiel der Baumwolle. Als «weisses Gold» bestimmte der flauschige Rohstoff während fast eines Jahrtausends die Geschichte der Industrie – und legte damit das Fundament zu unserem heutigen Wohlstand, den wir wesentlich dem globalen Kapitalismus zu verdanken haben.

In der Einleitung betont der Autor, dass er den Kapitalismus nicht dämonisieren will. Zum Beleg dafür attestiert er der globalen Ökonomie eine «revolutionäre», ja gar eine «befreiende» Kraft. Im grossen Bogen seines Buches spannt der in Harvard lehrende Historiker seinen Erzählfaden dann aber doch immer wieder so, dass er die Erfolgsgeschichte des westlichen Wohlstands mit der brutalen Geschichte der globalen Baumwoll­wirtschaft verknüpfen kann.

Und diese erhielt ihren ersten Entwicklungsschub mit Kolumbus’ Aufbruch nach Amerika und Vasco da Gamas Entdeckung eines Seewegs nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung. Das ist bekannt. Bemerkenswert ist aber doch, wie rasch schon damals ein System von weltweiten Handelsbeziehungen entstand, das bezüglich Ausdehnung und Effizienz sprunghaft geradezu monströse Züge annahm: Beckert erzählt, wie Europäer mit Textilien von indischen Webern Sklaven in Afrika kauften, damit diese wiederum auf Plantagen in Amerika Agrarprodukte für die europäischen Konsumenten herstellten.

«Haschisch des Westens»

Mit dem weltweiten Handel von Menschen und Waren war der globale Kapitalismus geboren. Und dabei spielte die Baumwolle als «Haschisch des Westens» eine entscheidende Rolle, wie ein Beobachter des 19. Jahrhunderts bemerkte: Der weisse Stoff wirkte wie eine Droge und erzeugte «starke halluzinatorische Träume von territorialer Expansion» – die oftmals Realität wurden. Und zwar mit dem, was Beckert «Kriegskapitalismus» nennt: eine Ökonomie, die von Enteignung, Versklavung und Ausbeutung bestimmt war. Dieser Kriegskapitalismus ermöglichte globale Handelsbeziehungen, wie wir sie heute kennen, und den Aufbau einer europäischen Industrie, die mit den ersten wasser- und dampfbetriebenen Maschinen in Manchester Ende des 18. Jahrhunderts ihren Schwung erhielt.

Die Protagonisten von Beckerts Kapitalismus-Geschichte sind aber gerade nicht die Maschinen. Die Hauptfigur ist vielmehr die Schizophrenie, die in der Frühphase des Kapitalismus entstand – zwischen der «inneren Welt» Europas und der «äusseren Welt» der neuen Kolonien: Während die «innere Welt» des Kontinents mit Institutionen und Gesetzen geordnet wurde, blieb die «äussere Welt» bestimmt von ungestrafter Ent­eignung, Sklaverei und Dezimierung einheimischer Völker.

Es entstand ein schroffer Gegensatz zwischen Europa und seinen Kolonien, der spätestens seit der Französischen Revolution als Schizophrenie erlebt werden musste: Während man in Europa für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kämpfte, profitierte man bei der Mehrung des allgemeinen Wohlstands weiterhin von der Ausbeutung der Kolonien – ohne dass dies als störender ­Widerspruch erlebt wurde. Aber es ist gerade diese (Bewusstseins-)Spaltung, die am Beginn unseres heutigen Wohlstands steht – und bis in die Gegenwart die Schere offen hält zwischen den ­Ländern, die sich industrialisierten, und den anderen, die diesen Schritt nicht mitvollziehen konnten.

Todesstrafe auf Import

Eine entscheidende Rolle beim globalen Auseinanderdriften spielte erstaunlicherweise der Staat: Zum Schutz der Baumwollindustrie und ihrer Steuerabgaben installierten die europäischen Nationalstaaten einen radikalen Protek­tionismus. Allen voran die Briten, die ab 1726 den Import von verarbeiteter Baumwolle mit der Todesstrafe belegten und so die einheimische Industrie am Laufen hielten. Aus heutiger Perspektive ist das damalige Agieren mehr als ­bemerkenswert. Denn anders als heute, da die Nationalstaaten angesichts der Globalisierung an Bedeutung verlieren und in Sachen Steuerforderungen unter Druck geraten, stärkten die Nationalstaaten und der globale Handel sich damals gegenseitig – mittels Steuerabgaben und staatlichen Protektionismus.

Und die Schweiz? Sie ist in die Geburtsgeschichte des globalen Kapitalismus verstrickt – und das gleich mehrfach: So umgingen Basler Kaufleute im 18. Jahrhundert die Zunftbeschränkungen ihrer Heimatstadt, indem sie im deutschen Wiesental Tausende von ­Bauern für das manuelle Spinnen und Weben mobilisierten, ein Expansionsschritt, den Beckert als «innere Kolonialisierung» Europas beschreibt.

Bis zur vollständigen Mechanisierung, die erst im 20. Jahrhundert abgeschlossen wurde, war die «kapitalistische Revolution» gemäss Beckert gerade deshalb so erfolgreich, «weil sie so unvollständig blieb». So nutzte der aufkommende Industriekapitalismus die sozialen Hierarchien, die in Bauern­familien Bestand hatten und die es den männlichen Oberhäuptern erlaubte, ihre Frauen und Kinder neben der Ackerwirtschaft in der textilen Heim­arbeit einzuspannen. Auch in der Schweiz, wo die Kinderarbeit erst im 20. Jahrhundert abgeschafft wurde.

Erfolgreich waren die Schweizer auch in der globalen Baumwollwirtschaft – ­allen voran die Gebrüder Volkart: Die Handelsfirma mit Sitz in Winterthur wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Akteure im indischen Baumwollgeschäft, indem sie die Zwischenhändler umging. 1876 heiratete eine Volkart-Tochter mit Theodor Reinhart zudem den Spross ­einer französischen Baumwolldynastie, was bei Beckert als ein Stück «Beziehungskapitalismus» beschrieben wird.

Wer ein Buch des Suhrkamp-Verlags in den Händen hält, etwa eines des ­Kommunisten Bertolt Brecht, profitiert noch heute von dieser kapitalistischen Liaison: Der deutsche Verlag wurde mit  Geld der Reinharts gegründet, welches die Familie im Baumwollhandel verdient hatte. Die Suhrkamp-Episode fehlt bei Beckert. Aber dafür kann er mit der ­Offenlegung zahlreicher anderer Be­ziehungen den Faden seiner starken ­Kapitalismus-Geschichte spinnen – und damit unser Bewusstsein in Sachen ­globaler Verstrickungen schärfen.

Sven Beckert: King Cotton. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Annabel Zettel und Martin Richter. C. H. Beck, München 2014. 525 S., ca. 41 Fr.

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