Der schönste Schwan

Keine tanzte den sterbenden Schwan so eindringlich wie Anna Pawlowa (1881–1931). Das Bilderbuch «Der Schwan. Das Leben der Anna Pawlowa» ist eine zauberhaft illustrierte Hommage an die russische Starballerina.

Die Schöne und der Schwan: Anna Pawlowa liess sich gern mit echten Schwänen, die sie als Haustier hielt, fotografieren.

Die Schöne und der Schwan: Anna Pawlowa liess sich gern mit echten Schwänen, die sie als Haustier hielt, fotografieren.

(Bild: Getty Images)

Helen Lagger@FuxHelen

Kurz vor ihrem Tod soll sie angeblich darum gebeten haben, man möge ihr Schwanenkostüm bereitlegen. Die russische Ballerina Anna Pawlowa hatte bis zum Ende tanzen wollen. Sie erlag während ihrer Abschiedstournee mit 49 Jahren einer Lungenentzündung.

Das Bilderbuch «Der Schwan. Das Leben der Anna Pawlowa» erzählt in wenigen Worten (Laurel Snyder) und aparten Illustrationen (Julie Morstad) den Weg eines Mädchens aus ärmlichen Verhältnissen zum gefeierten Star.

Auf ins Märchenland

Die Publikation, die im kalifornischen Kinderbuchverlag Chronicle Books erschien und nun auf Deutsch vorliegt, beginnt mit Pawlowas Erweckungserlebnis: «Du wirst ein Märchenland betreten», verspricht Pawlowas Mutter, eine einfache Wäscherin, ihrem Kind. Mit einem Schlitten machen sich die beiden ins Sankt Petersburger Mariinski-Theater auf. Hier wird Pawlowa erstmals mit Ballett und der Musik von Tschaikowsky konfrontiert. «Dornröschen öffnet seine Augen, und Anna tut es ihm nach.

Ihre Füsse erwachen!» So blumig erzählt Snyder, wie Pawlowa das Ballett für sich entdeckt. Illustriert wird die Schlüsselszene mit einem Fokus auf das schicke Publikum der Belle Epoque. Unter den Damen und Herren sitzt die kleine Pawlowa wie gebannt von dem Geschehen auf der Bühne. Morstad lässt den Leser mit ihren feinen Zeichnungen in ein vergangenes Russland voller Poesie eintauchen.

Poesie im Schnee: Das Bilderbuch «Der Schwan» erzählt die Geschichte der berühmten Ballerina Anna Pawlowa. Bild: zvg

Gleich auf mehreren Seiten des Bildbandes schneit es. Liebevolle Details machen den Charme dieses Buches aus: zum Beispiel zwei Eichhörnchen, die der jungen Tänzerin durchs Fenster linsend beim Pirouettenüben zuschauen. Sowohl Kinder wie auch Erwachsene können sich in dieses Buch verlieben.

Vom «Besenstiel» zum Star

Auch dass die Tänzerin einen schwierigen Einstieg in die Welt des Balletts hatte, wird im Bilderbuch nicht verschwiegen. Tatsächlich tanzte Pawlowa im Alter von acht Jahren an der Imperial Ballet School vor und wurde abgelehnt, da man sie für zu jung hielt. Erst zwei Jahre später nahm man sie auf. Ihre Zierlichkeit war kein Vorteil, da die damaligen Tänzerinnen akrobatisch zu sein hatten.

Pawlowa kämpfte mit einem schwachen Rücken und für den Spitzentanz scheinbar ungeeigneten Füssen. Die ­anderen Mädchen nannten sie «Besenstiel». Dass aus dem «hässlichen Entchen» der schönste Schwan aller Zeiten wurde, ahnte anfangs niemand. Pawlowa orientierte sich in ihrer Expressivität eher an den romantischen Ballerinen der Vergangenheit statt am akademischen Stil ihrer Zeit.

Paradestück

1905 schrieb der Choreograf Michail Fokin das Tanzsolo des sterbenden Schwans für «Schwanensee». Es dauert gerade einmal drei Minuten. Pawlowas melodramatische Interpretation wurde weltberühmt. Die Tänzerin begeisterte auch als Königin, Libelle, Geist oder Schneeflocke, doch die an gebrochenem Herzen sterbende Schwanenprinzessin blieb ihre Paraderolle.

Sie liess sich sogar mit einem echten Schwan, den sie als Haustier hielt, fotografieren. «Sie webt die Töne, die blosse Luft zu einer Geschichte», beschreibt Autorin Laurel Snyder im Bilderbuch den legendären Auftritt.

Bildnerisch wird die grazile Schwanenprinzessin mit grossen Schwingen, aus denen es Blumen rieselt, dargestellt. Auch für Pawlowas Tod findet Illustratorin Morstad das passende Bild: eine leere Bühne.

Bilderbuch: Laurel Snyder, Julie Morstad, «Der Schwan. Das Leben der Anna Pawlowa», Nord-Süd-Verlag, 48 Seiten.

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