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Der Preisträger ohne Stimme

Die Vergabe des Literaturnobelpreises an Mo Yan wird von Vertretern des chinesischen Staates gefeiert, in Mikroblogs aber kontrovers diskutiert.

Lange haben ihn sich viele Chinesen schmerzlich ersehnt, als Zeichen des Respekts und der Anerkennung durch die Welt. Als er dann kam, der erste Nobelpreis für einen Chinesen, wurde er von den Staatsmedien ignoriert: Der Schriftsteller Gao Xingjian war 2000 schon französischer Staatsbürger, vor allem aber: kritisch seiner ehemaligen Heimat gegenüber. Dann kam das Jahr 2010 und mit ihm der Friedensnobelpreis aus Oslo für den Bürgerrechtler Liu Xiaobo. Mit Totschweigen war es nicht mehr getan, nun folgten Beschimpfungen, die Auszeichnung des «Kriminellen» Liu sei eine «Schmähung» des Preises.

Und jetzt Mo Yan. «Eigentlich kommt er zu spät, dieser Preis», sagt Li Pengyi, Vizechef bei der China Publishing Group, dem grössten Verlagshaus Chinas. «Aber ich freue mich sehr.» Die Abendnachrichten beim Staatssender CCTV 4 hatten live nach Stockholm geschaltet. Die Auszeichnung sei ein «Meilenstein», so der Sprecher, und eine «Inspiration für Schriftsteller in China». Warum diesmal die Begeisterung? Mo Yan ist nicht nur ein herausragender Autor, er macht es Staat und Partei auch leicht, ihn zu mögen, er hat seinen Frieden gemacht mit der Zensur, duckt sich, wenn der Gegenwind zu stark wird. 2009 konnte man das sehen, bei der Buchmesse in Frankfurt. Mo Yan war Teil der chinesischen Delegation. Als sich bei einer Diskussion im Saal die chinesische Bürgerrechtlerin Dai Qing zu Wort meldete, verliess die Delegation das Podium; Mo Yan lief den Funktionären brav hinterher. «Er ist halt einer von denen, die alle Vorteile mitnehmen. Ein Autor, der mit einem Regime zusammenarbeitet, das die Meinungs- und Kunstfreiheit mit den Füssen tritt», sagt Dai Qing. «Das Nobelpreiskomitee hat sich mit der Verleihung keinen Gefallen getan.»

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