Der listige Chronist des normalen Lebens

Literatur

Immer wieder hat er die Regeln der Literatur unterlaufen. Zum Auftakt des 5. Berner Literaturfests erhält der in Berlin lebende Matthias Zschokke am Mittwoch für sein Werk den Grossen Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern.

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Er sei ein «Telefonallergiker», schreibt Matthias Zschokke aus Berlin: «Glauben Sie mir, am Telefon erfahren Sie nichts von mir. Ich muss die Leute sehen, mit denen ich rede, sonst ist es mir unheimlich und ich bin verstockt.» Ein paar Fragen schriftlich per Mail, das ginge. Mails schreibt der Autor, der dieses Jahr 60 wird, gerne. Soeben ist sein neustes Buch «Die strengen Frauen von Rosa Salva» erschienen. Darin versammelt er auf 400 Seiten Mails, die er Freunden und Bekannten aus Venedig geschrieben hat, als er 2012 auf Einladung einer Kulturstiftung sieben Monate in der Lagunenstadt residierte. Zschokke inszeniert in den Texten sein Unbehagen gegenüber dem erdrückenden Kulturdenkmal und berauscht sich am Alltag in der Stadt. Trotz etlicher Wiederholungen lässt man sich als Leser mitreissen vom Rhythmus der Sprache, der gefühlten Nähe und der lakonischen Art der mäandernden Gedanken.

Aber ist dieses schriftstellerische Readymade nun Literatur? Bereits drei Jahre zuvor hat Zschokke einen Mailroman publiziert. «Lieber Niels» bot eine Innensicht auf den Literaturbetrieb und versammelte auf 700 Seiten 1500 Mails an einen Freund in Köln.

Formale Experimente

«Mails sind formal etwas Eigenständiges. Sie haben eine eigene Dynamik und einen eigenen Rhythmus. Das kann man literarisch nutzen», entgegnet Zschokke und kritisiert: Die Menschen seien viel konservativer, als sie denken, am liebsten wollten sie immer das geboten kriegen, was sie schon kennen.

Das leise Aufbegehren und das formale Experiment standen schon am Anfang der Laufbahn des Berners, der 1980 nach Berlin ging. Ursprünglich, um Schauspieler zu werden. «Max», sein Debüt von 1982, präsentiert sich wie ein literarischer Scherbenhaufen. Es gibt darin keine runde Romanfigur und keine runde Erzählung. Der Autor nähert sich seinem Protagonisten in changierenden Fragmenten. Wie ein Puppenspieler bietet er dem Leser acht Varianten, wie es mit Max zu Ende geht.

Nach allen Ecken ausfransend ist auch Zschokkes bekanntestes Buch «Maurice mit Huhn» von 2006 über einen erfolglosen Künstler in Berlin, der den Leser mitnimmt auf die mitunter abrupt Haken schlagenden Spaziergänge seiner Gedanken. 2012 dann der Roman «Der Mann mit den zwei Augen», eine abgründige und gleichzeitig liebevolle Hymne auf die Ereignislosigkeit eines ganz normalen Lebens.

Bücher ohne Handlung

Wer sich auf Zschokke einlässt, muss darauf gefasst sein: Seine Bücher haben keine Handlung. «Als Autor mag man sich nicht sein Leben lang damit beschäftigen, ob die Marquise den Grafen kriegt oder umgekehrt, sondern man möchte von dem erzählen, was dieses Leben wirklich ausmacht, von Klängen, Gerüchen, Verletzungen, Freuden, Winzigkeiten» begründet Zschokke sein Unwohlsein gegenüber dem Plot. So sind es denn auch die präzisen Beobachtungen, die feine Ironie, der Humor, bei dem man sich oft ertappt fühlt, und die entwaffnende Ehrlichkeit, Eitelkeit manchmal und die Paradoxien, die den Lesegenuss ausmachen.

Den dabei entstehenden Eindruck, der Autor rede auch in seinen Romanen vor allem von sich selbst, streitet dieser nicht ab. «Die Erfahrungen, die wir machen, sind auf einer gewissen Ebene alle ähnlich oder gleich.» Also schreibe er vor allem von dem, was er am eigenen Leib erfahre.

Unverblümtes Ich

Der Mailroman treibt diese Logik weiter. Andererseits, argumentiert Zschokke, lasse es sich hinter nichts besser verstecken als hinter einem unverblümten Ich: «Wenn ich schreibe, ich habe meine Katze erwürgt, dann nehmen Sie an, ich flunkere. Wenn ich schreibe, mein Held habe seine Katze erwürgt, dann überlegen Sie, ob ich das selbst getan hätte, oder ob ich insgeheim davon träume, es zu tun.» Ein Vexierspiel, das diesem listigen Autor gefallen muss. Wie auch die Formlosigkeit eines solchen Buches, in dem die Beobachtungen und Gedanken im Mailwechsel auf- und abschwappen. Sind also von dem Autor künftig weitere Mailromane zu erwarten? «Keine Ahnung», entgegnet Zschokke. Mails dürften auf keinen Fall mit der Absicht einer späteren Veröffentlichung geschrieben werden. Für den Autor, der permanent von Zweifeln geplagt wird und darüber auch schreibt, gibt es mit der anstehenden Preisverleihung zunächst einmal eine kurze Verschnaufpause. Der Preis heisse ja: «Doch, im Grossen und Ganzen haben Sie die Zeit sinnvoll genutzt...». Andererseits aber sehe er auch: Gar nichts ist geschafft.

Berner Zeitung

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