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Der freischaffende Schweizer Nazi

Ein Schweizer Bankier, der für Hitler schwärmte, algerische Nationalisten und palästinensische Terroristen unterstützte: Das mysteriöse Leben von François Genoud.

Da war er gerne dabei: Genouds Copains von der PFLP sprengten 1970 in Zarqa (Jordanien) drei leere Flugzeuge von Swissair, BOAC und TWA.
Da war er gerne dabei: Genouds Copains von der PFLP sprengten 1970 in Zarqa (Jordanien) drei leere Flugzeuge von Swissair, BOAC und TWA.
Keystone

Joseph Goebbels war ein Menschheitsverbrecher und wäre, hätte er sich nicht mitsamt Frau und Kindern im Führerbunker umgebracht, sicher zum Tod verurteilt worden. Das Recht an seinen Schriften aber war sein gutes Recht – über den Tod hinaus. Bis 2015 muss jeder, der etwa aus Goebbels’ «Tagebüchern» zitieren will, den Rechtsnachfolger um Erlaubnis bitten und Tantiemen zahlen. Diese Rechtsnachfolge hatte sich ein Schweizer Bürger gesichert, der zu den merkwürdigsten, ungreifbarsten und unappetitlichsten Gestalten der Nachkriegszeit gehört.

Erster Coup

François Genoud, 1915 in Lausanne geboren und 1996 in Pully gestorben (von eigener Hand, assistiert von der Organisation Exit), war ein «freischaffender Nazi», wie ihn der Journalist und Buchautor Willi Winkler nennt. Nachdem er als 17-Jähriger einmal Hitler vorgestellt worden war, hielt er ihm die Treue – auch und vor allem nach dem Untergang des Dritten Reichs. Sein Hang zu NS-Hinterbliebenen und NS-Devotionalien verband sich mit einem ausgeprägten Geschäftssinn.

Genoud besuchte Hitlers Schwester Paula (von der er vergeblich einen Generalvertrag erhoffte) oder die Witwe von Hitlers engstem Paladin, Martin Bormann. Hier gelang ihm sein erster Coup: Er erhielt und vermarktete erfolgreich die Ehebriefe der Bormanns sowie Mitschriften von Hitlers Tischreden, an denen ebenfalls Bormann das Copyright hielt. Das «Politische Testament» Hitlers (eigentlich ein aus verschiedenen Äusserungen zusammengeklitterter Text) übersetzte Genoud ins Französische und wieder zurück ins Deutsche, um, so Winkler, eine Art eigenes Urheberrecht zu schaffen. An Eichmann verdienen

Den grössten kaufmännischen Erfolg erzielte er aber mit den Goebbels-Tagebüchern, die nach und nach aus verschiedenen Quellen auftauchten und Zeithistoriker wie Redaktionen hochgradig interessierten – wer drucken wollte, musste und muss zahlen, an Genoud als Inhaber des Nutzungsrechts (die Hälfte der Tantiemen geht an die Goebbels-Erben). Dass das Urheberrecht im Falle eines führenden Nazis überhaupt ausgeübt werden konnte – und nicht von der deutschen Bundesregierung als Kompensation für die Schäden, die er mitverursacht hatte, kassiert wurde: Darüber kann sich Willi Winkler, können sich auch seine Leser nicht genug wundern.

Auch an Adolf Eichmann wollte Genoud verdienen: Als der Organisator der «Endlösung» 1960 in Argentinien gekidnappt und in Israel vor Gericht gestellt wurde, besorgte der umtriebige Schweizer die Verteidigung und bezahlte sie – mit den Einnahmen, die er aus den Memoiren erzielte, die Eichmann in seiner Zelle schrieb. Wie ein Remake wirkt Genouds Engagement im letzten grossen Naziprozess: 1987 gegen den «Schlächter von Lyon», Klaus Barbie, der sich nach dem Krieg – mithilfe der Amerikaner und der katholischen Kirche – jahrzehntelang der Gerechtigkeit entzogen hatte. Genoud engagierte den Anwalt (den schillernden Jacques Vergès) und besuchte den Kriegsverbrecher immer wieder im Gefängnis, auch nach dessen Verurteilung. Verdient hat er an Barbie allerdings nichts, dessen Ergüsse waren unbrauchbar für jede Verwertung.

Immer gegen die «Zionisten»

Genoud hat seine Naziphilie einmal zynisch als «Hobby» bezeichnet. Es blieb nicht sein einziges. Er begriff sich als Antikolonialist und unterstützte deshalb die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN, deren gesamtes Führungspersonal er früh kennen gelernt hatte. Auch diese spezielle Zuneigung hatte seine Wurzeln in einem Jugenderlebnis: Mit einem Freund hatte er in den 30er-Jahren den Orient bereist und den Mufti Hadj Amin al-Husseini kennen und schätzen gelernt, einen berüchtigten Antisemiten und Hitler-Bewunderer. Über Genouds Genfer Banque Commerciale Arabe liefen die Geld- und Waffengeschäfte der FLN, nach der Unabhängigkeit 1962 wurde der Schweizer eine Art Berater der Regierung.

Von Freiheitskämpfern zu Terroristen war es kein grosser Schritt, wenn nur die «Weltanschauung» stimmte – immer gegen die «Zionisten». Und das war Wadi Haddad, einer der Führer der PFLP (Volksfront für die Befreiung Palästinas), der in den 70er-Jahren mit Bombenattentaten und Flugzeugentführungen die Welt in Angst und Schrecken versetzte. 1971 war Genoud in Beirut Gast auf einer makabren Siegesfeier von Haddad und Kumpanen, ein «Hospitant des Terrors», wie Winkler schreibt.

Überwacht, aber nicht angeklagt

Der Hospitant war erstaunlich aktiv, nützlich und ungreifbar. 1972 arrangierte er eine Lösegeldzahlung von fünf Millionen Dollar für eine entführte Lufthansa-Maschine – wobei das, folgt man Winklers Deutung, zugleich eine Schutzgeldzahlung der Airline an Haddad war, um nicht wieder behelligt zu werden. Dass er bei solchen Deals öfter die Hand im Spiel hatte, deutete Genoud etwas beleidigt gegenüber der deutschen Regierung an, als die eine Einreisesperre gegen ihn verhängte. Ob das stimmt? Die Wahrheit wissen, wenn überhaupt, nur die Geheimdienste, ohne deren Duldung Genouds Wirken gar nicht vorstellbar ist; dass er mit ihnen in engem Kontakt stand, ist erwiesen.

Die Aktion der Deutschen blieb die Ausnahme: Die Behörden, auch die der Schweiz, liessen Genoud in Ruhe. Er wurde überwacht (über kaum einen Schweizer dürfte es mehr Fichen geben), aber nie angeklagt oder nur behelligt. Einerseits, weil ihm keine «harten» Straftaten nachzuweisen waren, zum anderen und vor allem, weil er nützlich war: als Mann mit Verbindungen in der chaotisch-gefährlichen Gemengelage zwischen «revolutionären» Regierungen und kriminellen Terroristen.

Spekulieren und Raunen

Revolutionsromantik spielte wohl mit bei der Begeisterung des unauffälligen Schweizer Bankiers für den geltungssüchtigen Superterroristen Carlos, der unter anderem den Anschlag auf die Wiener Opec-Konferenz verübte. Hier zeigt Winklers Buch allerdings seine Schwäche am deutlichsten: dass man vieles eben nicht weiss und womöglich nie wissen wird. Die gegenseitige Sympathie ist erwiesen, die Kontakte sind es auch; es gibt aber keine Beweise dafür, dass Genoud in irgendeinen von Carlos’ Terrorakten involviert war. Also verlegt sich Winkler aufs Spekulieren, Andeuten und Raunen. Ob und wie Genoud dem flüchtigen Terroristen Aufnahmeländer vermittelt hat (von Syrien in den Irak, schliesslich in den Sudan), bleibt im Dunkeln. Sicher ist erst wieder, dass Genoud Carlos, als dieser endlich in Paris im Gefängnis sass, seine Aufwartung machte. Beide träumten davon, sich später in einer Art Walhalla des antizionistischen Kampfes wiederzusehen.

An Genoud haben sich schon zu dessen Lebzeiten zwei Biografen versucht, die sich auf lange Gespräche mit dem auskunftsfreudigen Hitler-Verehrer stützten. Winkler hat von diesen Quellen profitiert, sich durch viel Aktenmaterial gewühlt und mit mehr oder weniger auskunftsfreudigen Ämtern korrespondiert. Flott schreiben kann er auch. Das führt zu einer fesselnden Lektüre, bei der man einer dubiosen Figur, die ihre Finger in allen möglichen Schweinereien drin hatte, ohne sie sich wirklich schmutzig zu machen, durch eine verrückte Zeit folgt. Eine Zeit des Übergangs und der Verunsicherung, die solche Figuren brauchte und sie auch hervorbrachte.

«Eine regelrechte Biografie ist nicht möglich», räumt Winkler ein. Allerdings hat er die Lücken oft mit zu viel spekulativem Schaum gefüllt. Die definitive Biografie des Schweizer Dunkelmanns wird wohl nie geschrieben werden.

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