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Der Fänger der Herzen

Er schrieb den «Fänger im Roggen». Das Buch wurde Kult. Der Autor aber tauchte ab – und wurde zur Legende. Ein halbes Jahrhundert später erscheinen vier neue Bücher von und über Jerome D. Salinger.

Ein Mann mit Liebeskummer: Der Schriftsteller Jerome D. Salinger litt angeblich ein Leben lang unter der Trennung von Oona O’Neill.
Ein Mann mit Liebeskummer: Der Schriftsteller Jerome D. Salinger litt angeblich ein Leben lang unter der Trennung von Oona O’Neill.
Keystone

Als sein Roman «Der Fänger im Roggen» 1951 in den USA erschien, war sein Verfasser bereits 41. Hinter ihm lagen die Frankreich-Feldzüge des Zweiten Weltkriegs und eine grosse unerfüllte Liebe. Dafür eroberte er die zeitgenössische Literatur jener Jahre praktisch im Sturm. Sein Buch um den sechzehn Jahre alten Streuner Holden Caulfield, der, nachdem er aus dem Internat geflogen ist, durch New York läuft und über Gott, das Leben und die Liebe fantasiert, wurde zum Welterfolg – denn es sprach ganzen Armeen von enttäuschten Sinnsuchern aus der Seele, und avancierte damit zum Kultbuch vieler nachkommender Generationen. Jerome D. Salinger stieg zwar in den Olymp der US-Literatur auf – von dem Schlag aber, den ihm Oona O’Neill, die Tochter des Dramatikers und Literaturnobelpreisträgers von 1936, Eugene O’Neill, verpasste, indem sie ihn zurückwies und stattdessen Charlie Chaplin heiratete, erholte er sich nie mehr.

Irrationales Hoffen

«Ich liebe dich, Oona. Mein ganzes Leben ist im Eimer. Es ist Selbstmord, dich zu lieben! Mir wäre lieber, man hätte mir beide Beine amputiert, als dass ich deinen Weg gekreuzt hätte», heisst es dazu in Frédéric Beigbeders hinreissender literarischer Fantasie «Oona und Salinger», welche die Liebesgeschichte der beiden noch einmal literarisch rekonstruiert. Die Begegnung mit Oona wird Salinger lebenslang verfolgen. Und immer neu wird er die Nähe junger, ihn an Oona erinnernder Frauen suchen – getrieben von der irrationalen Hoffnung, das Trauma Oona dadurch irgendwann zu besiegen.

Melancholische Verlorenheit

«Er hat sich von dieser früh erlittenen Niederlage nie mehr erholt», sagt der Franzose Frédéric Beigbeder. Er zeichnet in Bildern von magischer Dichte «Jerry» Salingers zähes Ringen um die Gunst der jungen Frau nach, indem er mit seinen Schilderungen so nah an seine Protagonisten heranzoomt, dass man meint, mit im Raum zu sein, wenn die beiden ihre Brillantfeuerwerke der Worte und Gefühle abfeuern. Grundiert wird sein Buch stimmig durch drei, soeben mit über fünfzigjähriger Verzögerung aus dem Nachlass Salingers publizierten Stories. Denn «Die jungen Leute», so der Titel der kleinen Sammlung, atmet durchweg jene melancholische Verlorenheit, die sämtliche Arbeiten des zuletzt vollkommen zurückgezogen lebenden Autors bestimmten. Es sind scheinbar lässig hin getuschte Momentaufnahmen juveniler Glückssucher, die in ihrem Verlangen nach Liebe über manch emotionales Geröllfeld irren. Sie alle sind typische Salinger-Geschöpfe,- Wesen, deren Träume stets grösser sind als ihre Fähigkeiten, sie auch tatsächlich zu leben. Zudem besitzen diese Stories auch Jahrzehnte nach ihrer Niederschrift eine erstaunliche Aktualität. Denn ihn ihnen kommen jene Glückssucher zu Wort, die einst das Gleiche auf den Cocktailpartys suchten, was die iPhone-Generation heute ersehnt: den Anschluss ans andere Geschlecht, Akzeptanz und jenen verlebendigenden Starkstrom, der Leben heisst.

Sympathische Heldin

Wie einer Salinger-Story entsprungen wirkt auch Joanna, die sympathische Heldin aus Joanna Rakoffs liebevoller Salinger-Hommage «Lieber Mister Salinger». Die junge Frau ergattert im New York der 90er-Jahre einen Job in jener Literaturagentur, die J. D. Salinger vertritt. Sie hegt eigene literarische Ambitionen, schlägt sich aber vor allem mit ihrem komplizierten Liebesleben herum. Zudem verbietet ihr ihre biestige Chefin, deren Briefe sie auf Schreibmaschine tippen muss, strengstens, «Jerry» anzurufen. Bis Joanna begreift, wer dieser ominöse «Jerry» ist, sie seine Bücher für sich entdeckt – und mit deren Hilfe langsam sich selbst zu finden beginnt.

Ein grosser Einsamer

«Holden’s Melancholie, die Angst vorm Älterwerden, die Sehnsucht nach Nähe und Zugehörigkeit und die Furcht zu scheitern: All das wirkt bis heute anziehend!», sagt Frédéric Beigbeder.

Von diesen und anderen Ängsten erzählt in mitreissenden Bekenntnissen zahllos dazu interviewter Zeitzeugen auch die grosse, ebenfalls soeben erschienene Salinger-Biografie «Salinger. Ein Leben» der beiden Amerikaner David Shields und Shane Salerno, die das Bild, welches all die anderen neuen Salinger-Publikationen vom Fänger der Herzen zeichnen, stimmig abrundet, indem sie den Menschen Salinger hinter den Büchern zeigt: einen grossen Einsamen, der am Ende vor der Welt in die Einsamkeit floh, in der er vor fünf Jahren verstarb.

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