Der ewige Unbeugsame

Sechs Jahrzehnte lang prägte er die deutsche Literatur und mischte sich als kritischer Geist ins Zeitgeschehen ein: Günter Grass. Gestern ist der deutsche Nobelpreisträger im Alter von 87 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Günter Grass während eines Auftritts in München im vergangenen November.

Günter Grass während eines Auftritts in München im vergangenen November.

(Bild: Keystone)

Stefanie Christ@steffiinthesky

Günter Grass war nicht nur einer der bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Er war auch über mehr als sechs Jahrzehnte künstlerischer Tätigkeit ein streitbarer und umstrittener Zeitgenosse. Noch vor drei Jahren hatte er mit seinem israel-kritischen Gedicht «Was gesagt werden muss» stark polarisiert. Als «notwendige Torheit» hatte er später diesen formal hoffnungslos verunglückten und auch inhaltlich fragwürdigen Text bezeichnet. Das waren eben auch Facetten des Schriftstellers: die Impulsivität und Unberechenbarkeit.

Früher Erfolg

Schon 2006 waren die publizistischen Wellen ganz hoch geschlagen, als Grass im Vorfeld der Veröffentlichung seines autobiografischen Romans «Beim Häuten der Zwiebel» seine SS-Mitgliedschaft nach jahrzehntelangem (Ver-)Schweigen «gestanden» hatte. Das Denkmal des aufrichtigen Radikaldemokraten hatte zwar «moralische Risse» davongetragen, doch die Reputation des Schriftstellers Grass blieb davon unbeschadet. Dieses schonungslos offene und selbstkritische Buch liest sich noch heute wie eine erzählerische Häutung: In nüchterner, unpathetischer Erzählweise blickt Grass zurück auf seine Kindheit und Jugend.

Günter Grass wurde am 16.Oktober 1927 in Danzig geboren. Seine Eltern stammten aus bescheidenen Verhältnissen und betrieben ein Kolonialwarengeschäft. Grass besuchte, nach einer Lehre zum Steinmetz, die Düsseldorfer Kunstakademie. Dann eroberte eine Schweizerin sein Herz: 1954 heiratete er die Lenzburger Tänzerin Anna Schwarz, mit der er vier Kinder hatte. 1972 liessen sie sich scheiden. Bis Grass 1979 die Organistin Ute Grunert ehelichte, wurde er noch zweimal Vater: Die Schauspielerin Helene Grass ging aus einer Beziehung mit der Architektin und Malerin Veronika Schröter hervor, 1979 wurde Nele Krüger, Grass’ Tochter mit der Lektorin Ingrid Krüger, geboren.

Der kleine Trommler

Zur Hochzeit mit Anna Schwarz erhielt Grass eine Olivetti-Schreibmaschine geschenkt, auf der er seine ersten Manuskripte verfasste. 1956 debütierte er mit dem Lyrikband «Die Vorzüge der Windhühner», ehe ihm 1958 mit einer Lesung aus der noch unvollendeten «Blechtrommel» der Durchbruch gelang.

Wohl kaum eine andere Romanfigur aus der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur hat so grosse Popularität erlangt wie Grass’ Oskar Matzerath aus der «Blechtrommel». Der kleine Trommler, der aus Protest gegen seine Umwelt sein Wachstum einstellt, der mit seinen spitzen Schreien selbst Glas zum Bersten bringt (die Verfilmung von Volker Schlöndorff mit David Bennent in der Hauptrolle war ebenfalls ein Meisterstück), dieser zwergwüchsige Rebell verkörpert auch ein wenig von Günter Grass’ Geisteshaltung: unbequem, gegen den Strom schwimmend, Mahner und latenter Revoluzzer in einer Person. Doch der frühe Erfolg der «Blechtrommel» war mehr Fluch als Segen: Über viele Jahre wurde Grass’ international anerkannter Erstling als Vergleich herangezogen, um die nachfolgenden Werke zu «verreissen». Es war zwar keine Versöhnung erster Klasse, aber seit der Nobelpreisverleihung 1999 ging das deutschsprachige Feuilleton wesentlich behutsamer mit Grass um.

Eine Hetzkampagne

Von jeher nutzte der Autor von literarischen Meisterwerken wie der Novelle «Katz und Maus» (1961) und dem Roman «Hundejahre» (1963) seine Popularität, um in das aktuelle Tagesgeschehen einzugreifen. In den 1960er-Jahren unterstützte Grass die SPD im Wahlkampf, er war einer der Initiatoren des Verbandes Deutscher Schriftsteller, Herausgeber der Zeitschrift «L ’76» (später «L ’80») und leidenschaftlicher Verfechter der Brandtschen Ostpolitik.

1995 war Grass Opfer einer schlimmen öffentlichen Hetzkampagne geworden. Der «Spiegel» veröffentlichte Marcel Reich-Ranickis vernichtende Kritik des gerade erschienenen Grass-Romans «Ein weites Feld» – mit einer Fotomontage auf der Titelseite, die den Frankfurter Kritiker zeigte, wie er Grass’ Buch zerriss. Dem gleichermassen empfindsamen wie impulsiven Autor Grass mangelte es oft auch an Souveränität, denn er begab sich 1997 in seinem Band «Fundsachen für Nichtleser» auf ein ebenso fragwürdiges Niveau: «Meine Kritiker/ wissen nicht, wie man das macht:/ Zaubern auf weissem Papier./ Meister, dürfen wir/ über die Schwelle treten?/ Doch selbst als Lehrlinge taugen sie wenig/ und bleiben traurig/ ohne Begriff.»

Quer zum Zeitgeist

Literarische Moden waren nie seine Sache, und seine Bücher ragten wie erratische Blöcke aus dem Wust der Fast-Food-Literatur heraus. Noch kurz vor seinem Tod hat Günter Grass an seinem letzten Werk gearbeitet. «Wir haben das Buch in der letzten Woche buchstäblich fertig gemacht, es ist druckreif. Wir hätten jetzt an Feinarbeit gebastelt», so sein Verleger Gerhard Steidl. Es handle sich um ein literarisches Experiment: Grass habe erstmals Prosa und Lyriktexte verschmelzen lassen. Nun ist der grosse Schriftsteller, Nobelpreisträger und streitbare Zeitgenosse im Alter von 87 Jahren in Lübeck an einer Infektion gestorben.

Berner Zeitung

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