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«Denkt daran: Es ist Trump, der hier spricht»

Historikerin Jill Lepore sieht Amerikas Demokratie in Gefahr. Der aktuelle Präsident sei beispiellos – aber auch das Silicon Valley sei mitschuldig.

Donald Trump und Melania Trump im State Dining Room des Weissen Hauses. Trump sprach anlässlich eines Treffens der Gouverneure der USA. (26. Februar 2017)
Donald Trump und Melania Trump im State Dining Room des Weissen Hauses. Trump sprach anlässlich eines Treffens der Gouverneure der USA. (26. Februar 2017)
Keystone

Sie haben ein monumentales Übersichtswerk der amerikanischen Geschichte von 1492 bis zur Wahl Trumps vorgelegt. War Amerika je in einer Situation wie heute?

Lepore: Nein, niemals. Es gibt ja sehr wenig, das noch nie dagewesen ist. Aber ein Mann wie Trump im Weissen Haus: Das ist in der Tat beispiellos.

Ist die Demokratie ernsthaft in Gefahr?

Ja, das ist sie. Aber die Vereinigten Staaten von 2019 sind die gleiche Nation wie jene, die 2009 Barack Obama als Präsidenten vereidigte. Die Regierung ist derzeit in einer konstitutionellen Krise, und da kann man leicht auf den Gedanken kommen, dass noch mehr im Argen liegt – selbst wenn dies gar nicht der Fall ist. Wenn Donald Trump etwa in einem Tweet vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Fall seiner Amtsenthebung warnt, dann denkt bitte daran: Es ist Trump, der hier spricht.

Im Buch «These Truths» führen Sie aus, dass die Spaltung der US-Gesellschaft in den 1970ern bewusst geschürt wurde. Politberater bauten Abtreibung und Waffengesetze als Kampfthemen auf.

Natürlich wurden in Politkampagnen immer schon Wählerkategorien anvisiert und Gefühle bespielt. Aber in den 1970ern sortierten die Republikaner – als Erste – ihre Wähler mittels Computer, was sehr effektiv war. Das Messaging wurde so an exakt definierte, kleine Bevölkerungsgruppen angepasst. Bis zur breiten Öffnung des Internets in den 1990ern war das zwar teils noch handgestrickt. Aber mit der Ausbreitung von Social Media in den Nullerjahren automatisierte sich dieser Prozess. Dass zugleich Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Presse gesät wurden, ist ein alter, billiger, lausiger Trick.

Halten Sie die Digitalisierung und die viel zitierte «innovative Disruption» von Wirtschaft und Gesellschaft durch das Silicon Valley für bedrohlich?

Durchaus. «Beweg dich schnell und zerbrich Dinge»: Dieses alte Motto von Facebook liest sich wie eine Gebrauchsanleitung, um Institutionen zu zerstören. Es ist definitiv auch genauso herausgekommen. Und Achtlosigkeit ist keine moralische Tugend, sondern ein Laster.

«Im Silicon Valley ist man stolz darauf, dass die Vergangenheit nicht zählt.»

Jill Lepore

Facebook-Chef Mark Zuckerberg will nicht eingreifen, wenn Trump im Wahlkampf auf Facebook Lügen verbreitet. Gegen die Pläne von Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren aber, zu grosse Firmenkonglomerate zu zerschlagen, hat Zuckerberg Widerstand angekündigt.

Im Silicon Valley ist man stolz darauf, dass die Vergangenheit – und seriöse Geschichtsschreibung – nicht zählt; alles, was zählt, ist die Zukunft. Wenn jemand dies wirklich glaubt, wird er sich selbst dabei zuhören müssen, wie er krass widersprüchliche und schlecht informierte Statements von sich gibt, Tag für Tag.

Wurde die Spaltung der Gesellschaft durch die grossen Einkommensunterschiede verstärkt?

Ja – und auch diese verschärften sich in den 1970ern. Das GI-Gesetz für heimkehrende Kriegsveteranen offerierte vielen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg die Errungenschaften eines Wohlfahrtsstaates: kostenlose Bildungsmöglichkeiten, zinslose Darlehen für den Hauserwerb und vieles andere. So wurde eine Mittelschicht geschaffen und auch stabilisiert. Aber von dieser Unterstützung profitierte im Grunde nur diese eine Generation.

Wie wir seit Anfang Oktober wissen: Zum ersten Mal in der US-Geschichte zahlen die 400 reichsten Familien weniger Steuern als die Arbeiterklasse; als jede andere Schicht überhaupt in den USA. Wie kommts, dass trotzdem gerade Ärmere an Trump als ihren Erlöser glauben?

Für die Antwort müsste ich einen weiteren Tausendseiter verfassen. Aber um eine kurze Erklärung zu geben: Die Progressiven haben sich in dieser Frage gleichfalls nicht mit Ruhm bekleckert und den Unterschichten Erleichterung verschafft. Ein anderer Brennpunkt ist etwa die nationale Gesundheitsversicherung: Vorschläge dafür existieren seit 1910. Aber sie wurden in quasi jedem Jahrzehnt aufs Neue niedergeschmettert, normalerweise durch Lobbyisten. Zudem gibt es Verfassungshürden für ein solches Programm, und die Progressiven haben diese Hürde nicht mit echtem Erfolg genommen.

Früher hat man sich, so schreiben Sie, an Fakten orientiert, später an Zahlen und heute an Daten. Was bedeutet das?

Woran wir Erkenntnis festmachen, verändert sich über die Epochen. In rein religiösen Zeiten waren die meisten Dinge Geheimnisse, über die nur Gott Bescheid wusste. Dann gewann die Idee des Faktums an Bedeutung, man konnte mehr wissen; und darauf rückte die Zahl ins Zentrum des Wissens. Jetzt jedoch, mit den Datensammlungen, sind wir wieder an dem Punkt, an dem die Leute nicht viel wissen können: Die meisten Dinge sind geheimnisvoll. Nur Maschinen, die Daten zu berechnen verstehen, wissen über sie Bescheid. Ich finde das gefährlich und schrecklich.

«Im Allgemeinen waren diese Kreuzzüge der Frauen konservativer Natur.»

Jill Lepore

Als eine starke rückwärtsgewandte Kraft in der Geschichte der USA nennen Sie die Frauen. Wieso?

Es gibt nicht den einen, homogenen weiblichen Wählerblock oder politischen Block, das ist klar. Aber historisch gesehen, haben politische Aktivitäten der Frauen in den USA meist die Form eines moralischen Kreuzzugs im Sinne der Familie angenommen. Im Allgemeinen waren diese Kreuzzüge konservativer Natur: so das evangelikale Revival des frühen 19. Jahrhunderts, die Anti-Alkohol-Bewegung oder das konservative Erwachen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wie stark beschäftigen Sie Klima- und Umweltprobleme?

Sicher mache ich mir um diese Dinge Sorgen – allerdings nicht spezifisch mit Blick auf die USA, sondern auf die Welt.

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