Zum Hauptinhalt springen

Dem Leben eine neue Richtung geben – geht das?

Nach vielen Jahren legt der Schweizer Schriftsteller und Philosoph Pascal Mercier einen gewichtigen Roman vor.

Christine Richard
Pascal Mercier ist ein Pseudonym des früheren Philosophieprofessors Peter Bieri. Foto: Isolde Ohlbaum, Laif
Pascal Mercier ist ein Pseudonym des früheren Philosophieprofessors Peter Bieri. Foto: Isolde Ohlbaum, Laif

Diese Menschen würde man am liebsten zu Freunden haben. Die Personen aus Pascal Merciers neuem Roman «Das Gewicht der Worte» sind alle sensibel, hilfreich und gut. Allen voran die Hauptfigur: Der Übersetzer Simon Leyland, 61, rettet mit seinem Geld einen Verlag vor der Pleite und kauft für seinen Freund eine Wohnung. Seine Kinder sind einfühlsam, seine Freunde freundlich, und sein Leben im Intellektuellenmilieu ist finanziell und emotional sanft abgefedert. Wo ist das Problem?

Das Grundproblem ist, dass Leyland nichts Neues mehr erlebt; dass er seiner ewig gleichen Gefühle überdrüssig ist. Am Anfang die Überraschung: Sein Onkel, ein Orientalist, hat ihm ein Haus im Künstlerviertel Hampstead vererbt. Jetzt kehrt der Übersetzer Leyland aus der Vielsprachenstadt Triest in seine Heimatstadt London zurück. Hier freundet er sich mit seinem Nachbarn Burke an. Auch dieser ist ein guter Mensch, der seine Apotheke verlor, weil er Medikamente ohne Rezept an arme Leute abgab, und Cello spielt. Viel Kunst, wenig Leben.

Leylands Frau Livia, eine Verlegerin, ist seit elf Jahren tot. Seitdem schreibt er Briefe an sie. Um über sich selbst klar zu werden, wie er sagt. Wer an eine Tote schreibt, kann sich öffnen, muss sich niemals schämen. Pascal Merciers Hauptfiguren, meist Männer, oft Freundespaare, zeichnet aus, dass sie scheu und zurückhaltend sind – aus Furcht vor dem falschen Wort, dem falschen Blick.

Übersetzen ist eine Form subtiler Erotik: «Übersetzen schafft eine Nähe, die grösser ist als jede andere.» Grösser auch als körperliche.

Mercier ist Hüter jenes zerbrechlichen Dings, das wir die Seele nennen. Literatur ist ein wunderbar schützendes Gehäuse. Man kann sich in den Figuren spielerisch verstecken und hoffen, gefunden zu werden. So, wie der Name Pascal Mercier nur ein Pseudonym ist, unter dem sich in Wirklichkeit Peter Bieri versteckt. 1944 geboren in Bern, war Bieri bis 2007 Philosophieprofessor an der Freien Universität Berlin. Vier Romane hat er bisher veröffentlicht. «Nachtzug nach Lissabon» wurde 2004 ein Megaseller. 2007 zog er sich aus dem überregulierten Unibetrieb zurück. Wer ihn damals besuchte, fand ihn versteckt in einem winkligen Häuschen, in Lichtenrade draussen vor Berlin, eingewachsen im Grünen, keine Klingel an der Tür.

«Das Gewicht der Worte» heisst sein neuer, gewichtige 570 Seiten starker Roman. Leyland ist ein Wortsüchtiger. Übersetzen ist für ihn eine Form subtiler Erotik: «Übersetzen schafft eine Nähe, die grösser ist als jede andere.» Grösser auch als körperliche. Doch irgendwann genügt es ihm nicht mehr, andere zu übersetzen. Leyland hat das Leih-Land, das von fremden Autoren geliehene Gefühlsleben satt, er will selber Autor sein, seine eigene Stimme zum Klingen bringen. Er sucht jenes Glück beim Schreiben, wie es Peter Bieri 2007 im Gespräch formulierte: «Man bringt sich zur Stimme. Man bringt eine Erfahrung zur Sprache, sodass man dadurch selber zur Kenntlichkeit kommt. Das ist eine Erfahrung von Freiheit. Das Glück des Spielerischen.»

Lange Zeit sucht Leyland seine eigene Stimme, indem er Briefe an seine tote Frau Livia schreibt. Er berichtet, was ihm nach ihrem Tod widerfuhr. Das Schlimmste war, als ihm Sprechen und Schreiben entglitten. Alle Worte im Kopf zu haben, sie aber nicht äussern können. Ein Arzt diagnostizierte einen bösartigen Hirntumor. Den nahen Tod vor Augen, verkaufte Leyland den Verlag seiner Frau in Triest. Bis sich herausstellte, dass jemand die Bilder in der Radiologie verwechselt hatte.

Es gibt kein zweites, frisches Leben im ersten

77 quälende Tage lebte er im Irrtum, sterben zu müssen. Das war schlimm. Der Roman allerdings hat jetzt ein anderes Problem: Wenn der Irrtum schon nach 200 Seiten aufgedeckt ist und noch 300 Seiten bleiben: Wie kommt es für den Leser zu einer neuen Zielspannung?

Der Verkauf des Verlags in Triest und der Umzug nach London sind die Chance, Leylands Leben «eine neue Richtung» zu geben. Ins Offene, Freund, wie damals der Lehrer im «Nachtzug nach Lissabon». Doch es gibt kein zweites, frisches Leben im ersten. Leyland wiederholt und variiert nur. Er wird erneut einen Verlag ankurbeln, diesmal von Freunden in London. Und er wird in dieses Verlagsprojekt alle einbinden, seine zwei Kinder, Freunde, Lieblingsautoren. Alles, was ihm lieb und teuer ist – und dem Leser bereits bekannt. Kurz: 100 Seiten weniger hätten es auch getan.

In diesem lang und breit angelegten Bewusstseinsroman aus dem Verlagsmilieu sind die Briefe an Livia das flammende Herzstück. Es sind Briefe von betörendem Erinnerungsweh und schmerzlicher Erkenntnisschärfe. Wie war früher alles so selbstverständlich und schön mit dir, und wie ist jetzt alles vorbei. Leyland erinnert sich an viele Episoden mit Livia und den Kindern, «um die Zeit zu dehnen und ihr die durchlebte Länge zurückzugeben». Aber die Zeit, sie schrumpft, ihr Verfliessen ist nicht aufzuhalten.

Wie kann man sich derart vergessen, dass man nicht einmal merkt, dass man vergessen hat, wer man früher war?

Als Schriftsteller, nah an Proust, entfaltet Mercier anhand einer Figur, was die Zeit anrichten kann. Als Philosoph Bieri entwickelt er Fragen, die einen lange beschäftigen können. Wie ist es, sich selbst zu fühlen? Was habe ich aus der Zeit meines Lebens gemacht? Sind 20 Jahre Ehe eine lange Zeit oder eine kurze? Was kann das sein – Achtung vor einem Toten? Was kann ein falscher Blick zur falschen Zeit zerstören? Wie kann man sich derart vergessen, dass man nicht einmal merkt, dass man vergessen hat, wer man früher war? Was genau denkst du? Und dann: Warum denkst du es?

Am Ende macht Leyland, was ihm sein Onkel am Anfang riet: Er schreibt endlich etwas Eigenes. Er beginnt einen Roman. Doch dessen Hauptfigur ähnelt nur wieder dem Autor Leyland. Wie Leyland seinem Autor Pascal Mercier ähnelt. Eins spiegelt sich im anderen, wiederholt sich in Reflexen, wird immer reflektierter und dabei naturgemäss schwächer. Es ist, als zöge sich Pascal Mercier in diesem altersweisen Buch leise hinter die Spiegel zurück.

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. Roman. Hanser, München 2020. 576 S., ca. 39 Fr.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch