Das Ohr an der Strasse

Swetlana Alexijewitschs Werk ist eine gross angelegte Alltagsgeschichte des Sowjetmenschen und eine Gegengeschichte zur Putin-Propaganda.

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Martin Ebel@tagesanzeiger

Schon 2013 war sich ihre deutsche Verlegerin bombensicher, dass Swetlana Alexijewitsch nach dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gleich auch den Literaturnobelpreis erhalten würde. Es hat dann noch zwei Jahre gedauert, und am Schluss ging die jetzt Gekürte gar als Favoritin ins Rennen. Es ist eine hervorragende Entscheidung, die wohl nur beim offiziellen Russland auf Indignation stossen wird – und bei jenem, gottlob kleiner werdenden Teil des Publikums, der seine Literatur gern «rein» hat. Und fragt: Ist Swetlana Alexijewitsch nicht eigentlich eine Journalistin? Ja, das ist sie, von der Ausbildung her – 1948 in der Ukraine geboren, hat sie in Minsk Journalismus studiert und für verschiedene Zeitungen gearbeitet – und auch, wenn man ihre Arbeitsweise nimmt: Sie beobachtet, sie recherchiert, sie hört zu.

Sie ist überhaupt mehr Ohr als Auge; was sie registriert, ist neben dem Mitgeteilten auch die Art der Mitteilung. Die Stimmlage. Die Nuancen. «Der Mensch hat viele Sprachen», schreibt sie in ihrem jüngsten Buch «Secondhand-Zeit». Die Sprache, in der er mit seinen Kindern spricht, die Sprache der Liebe ... und die Sprache, in der wir mit uns selbst reden, die Sprache der inneren Selbstgespräche. Auf der Strasse, auf der Arbeitsstelle, auf Reisen – jedes Mal eine andere Sprache.»

Swetlana Alexijewitsch registriert, was die Wahl der Sprache über den Inhalt des Mitgeteilten aussagt. Wo die nachgeplapperte Propaganda aufhört und die Wahrheit anfängt. Die Wahrheit des schlechten Gewissens, der Angst, der Reue, aber auch der Aggression und des Hasses. Sie ist eine Seismografin der seelischen Erschütterungen eines ganzen Kontinents: der Sowjetunion, über vier Jahrzehnte, von der Endzeit des bürokratischen Kommunismus bis zur Gegenwart, der Putin-Ära mit ihrer imperialen Renaissance.

Die Pünktchen des Alltags

Die Methode journalistisch, das Ergebnis Literatur: Entscheidend ist, was aus dem Material gemacht wird. Bei Swetlana Alexijewitsch werden aus akustischen Aufzeichnungen – oder Notizen, wenn die Gesprächspartner das «Gerät» ablehnen – Porträts von Menschen, von Gruppen, von kollektiven Stimmungen. Da sind auf der einen Seite die kunstvoll arrangierten und doch wie spontan wirkenden Monologe, in denen die Sprecher, über Pausen und Unterbrechungen, von charakteristischen Pünktchen markiert, sich ins Zentrum des Schmerzes vorantasten.

Da sind auf der anderen Seite die «Küchengespräche», in denen die Teilnehmer im Schutzraum der Gemeinschaft das sagen, was sie in der Öffentlichkeit verschweigen. Schon als Kind hat Alexijewitsch in ihrem weissrussischen Dorf den Frauen zugehört, die abends auf Bänken einander vom Krieg, vom Hunger, vom Abgeholtwerden erzählten. Dingen, die nicht zur offiziellen Lesart eines siegreichen Imperiums passten. Daraus ist ihr Lebenswerk geworden: Eine Gegengeschichte zur offiziellen, selektiven, verlogenen Version der Sowjetära, in der sie aufwuchs. Im Grunde, sagt Swetlana Alexijewitsch, habe sie immer am selben Buch gearbeitet, den Stift in der Hand und «das Ohr an der Strasse». Ihre Helden? Das sind «Menschen aus der Menge ... Unser Leben ist alltäglich, unauffällig, aber wir geben uns Mühe. Wir lieben und leiden. Doch das interessiert niemanden, über uns schreibt niemand Bücher.»

Swetlana Alexijewitsch hat sie geschrieben. «Der Krieg hat kein weibliches Gesicht» (das erst 1985 erscheinen durfte) über Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. «Zinkjungen» (1989) über Veteranen des Afghanistan-Krieges und Mütter gefallener Soldaten. «Im Banne des Todes» (1993) über die Männer, die in der Strahlenhölle von Tschernobyl zu retten versuchten, was nicht mehr zu retten war. Schliesslich «Secondhand-Zeit» über die Folgen des epochalen Umbruchs durch Perestroika, Auflösung der Sowjetunion, Durchmarsch des Raubkapitalismus und Siegeszug von Mafiosi, Oligarchen und neuer Nomenklatura.

Im Mittelpunkt ihrer Bücher steht ein Menschentyp, dem ihre Zuneigung und ihre Abscheu gilt, ihre Neugier und ihr nie nachlassendes Bemühen zu verstehen: der Sowjetmensch. Der bolschewistischen Gewaltherrschaft sei eines gelungen, meint Alexijewitsch, die Schaffung eines neuen Menschen. Aber es ist ein deformierter Mensch, gegängelt und verschreckt, vollgestopft mit Parolen; unfähig, sich im kantschen Sinne seines eigenen Verstandes zu bedienen. Der Kollaps des Sowjetreichs trifft ihn ins Mark; alles, was galt, gilt nicht mehr. Was einer kann und weiss, woran einer glaubt – vergiss es, sagen die neuen Geschäftemacher, zu denen oft schon die eigenen Kinder gehören.

«Das sozialistische System war eine Mischung von Gefängnis und Kindergarten», erklärte sie mir bei einem Interview vor zwei Jahren. «Der Mensch war daran gewöhnt, für seine Taten nicht verantwortlich gemacht zu werden. Die Verantwortung wurde delegiert – an höhere Stellen, an die Partei.» So war der Täter immer auch irgendwie Opfer.

Im Keller der Ausgegrenzten

Und viele Russen, die in den Satellitenstaaten herausgehobene Positionen hatten, wurden nach 1991 tatsächlich entmachtet, entrechtet, verprügelt, verjagt. In Russland wartete auch niemand auf sie – und dorthin strömten überdies verfolgte Minderheiten aus den neuen Republiken. Zurück zu «Mütterchen Russland» – wo aber nichts Mütterliches wartete, sondern korrupte Polizisten, betrügerische Arbeitgeber, Willkür, Schläge und gerade noch ein Schlafplatz in irgendeinem Keller. In einem besonders bedrückenden Kapitel von «Secondhand-Zeit» steigt Swetlana Alexijewitsch in diese Keller hinab und hört sich grauenhafte Geschichten von Tadschiken und Usbeken an.

«Secondhand-Zeit»: Der Titel ist programmatisch. Die Autorin, die nach einigen Jahren im Ausland seit 2011 wieder in Minsk lebt (im Lukaschenko-Reich dürfen ihre Bücher nicht erscheinen), beobachtet entsetzt, wie die Bevölkerung ideologische Leichen exhumiert, erledigte Geister der Vergangenheit wieder ins Leben ruft: Es gibt eine neue Verehrung des Massenmörders Stalin, einen Putin-Personenkult, eine Militarisierung des Denkens, Aggressionen gegen Andersdenkende, ungefilterten Hass auf Homosexuelle, Ausländer, Minderheiten.

Swetlana Alexijewitsch macht sich nichts vor. Putin ist wirklich populär (wie sein weissrussisches Pendant Lukaschenko), er gibt der Bevölkerung das Gefühl, an etwas Grossem teilzuhaben, und weiss Ressentiments, Ängste und Verunsicherung geschickt zu instrumentalisieren. Bücher sind eine schwache Waffe gegen die Verhetzung eines ganzen Volkes. Aber wer Ohren hat zu hören, der kann sie vor der Propaganda verschliessen und auf die Stimmen richten, die Swetlana Alexijewitsch gesammelt hat, aufbewahrt und gestaltet: zu grosser Literatur.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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