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«Das Fernsehen ist nicht der geeignete Ort, um Literatur angemessen darzustellen»

Die Kritikerin Sigrid Löffler nutzt die Aufmerksamkeit, die ihr anlässlich ihres 70. Geburtstags zuteil wird, für prononcierte Statements.

«Es ist ein xenophobes und engstirniges Land»: Löffler über Österreich.
«Es ist ein xenophobes und engstirniges Land»: Löffler über Österreich.
Germanistik.rub.de

Mit dem Fernsehen als Plattform für Literaturkritik hat Sigrid Löffler abgeschlossen. «Das Fernsehen ist nicht der geeignete Ort, um Literatur angemessen darzustellen. Da geht es um den Radau», sagt Löffler, die durch ihre ebenso scharfsinnigen wie streitbaren Buchbesprechungen in der ZDF-Sendung «Das Literarische Quartett» einem breiten Publikum in Deutschland bekannt wurde. Heute zählt die frühere Feuilletonchefin der Wochenzeitung «Die Zeit» und ehemalige Herausgeberin der von ihr gegründeten Zeitschrift «Literaturen» zu den profiliertesten und bekanntesten Literaturkritikerinnen in Deutschland. Am 26. Juni feiert sie ihren 70. Geburtstag - gemeinsam mit ihrem Mann im Frankreichurlaub, wo «ich nicht erreichbar bin», wie sie im dapd-Gespräch sagt.

Geboren wurde Sigrid Löffler 1942 im böhmischen Aussig, heute Ústí nad Labem. Aufgewachsen ist sie in Wien, studierte dort Anglistik und Germanistik. Sie arbeitete zunächst als Deutschlehrerin, bevor sie Journalistin wurde. Nach einigen Jahren als aussenpolitische Korrespondentin baute sie beim österreichischen Nachrichtenmagazin «Profil» das Kulturressort auf.

Gespaltenes Verhältnis zu Österreich

Zu Österreich hat Löffler, die seit 1996 in Deutschland und seit 1999 in Berlin lebt, ein gespaltenes Verhältnis. Als «unerquicklich» empfindet sie die geistige Enge dort. «Es ist ein xenophobes und engstirniges Land. In kulturellen Dingen hinterwäldlerisch und sehr konservativ, um nicht zu sagen reaktionär».

Von der «Verhaiderung» Österreichs sprach sie in den 1990er Jahren einmal. Daran habe sich auch durch den Tod des Rechtspopulisten Jörg Haider 2008 nichts geändert. «Man muss davon ausgehen, dass ein Drittel der Österreicher anfällig ist für rechtsradikales Gedankengut und rechtsradikale Parteien. Ich habe mich lange damit herumgeplagt und dagegen angeschrieben», sagt Löffler. Sie habe das mit Enthusiasmus getan. Aber «wenn man sieht, dass man daran nichts ändern kann, dann geht man am besten weg».

Kontrahenten im «Literarischen Quartett»

Sie ging nach Hamburg und übernahm die Leitung des Feuilletons der «Zeit». Beim «Literarischen Quartett» war sie bereits seit der ersten Sendung 1988 ständige Teilnehmerin. Gemeinsam mit Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und wechselnden Gästen stritt sie mehr als ein Jahrzehnt lang über Literatur. Ein Spannungsverhältnis zwischen Löffler und Reich-Ranicki, die in der oft polemischen Sendung wie Kontrapunkte wirkten, bestand von Anfang an. Im Juni 2000 jedoch kam es zum Eklat. Im Streit um den Roman «Gefährliche Geliebte» des Japaners Haruki Murakami griff Reich-Ranicki seine Kontrahentin persönlich an, warf ihr vor, jegliche Form erotischer Literatur grundlegend abzulehnen.

Sigrid Löffler verliess daraufhin die Sendung. In einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» sagte sie: «Für eine Sendung, in der es allein darum geht, Krach zu machen, stehe ich nicht mehr zur Verfügung.» Zu einer Aussöhnung kam es bis heute nicht. «Er hat sich für sein Verhalten nie entschuldigt. Im Gegenteil, er hat nachgetreten. Und ohne Entschuldigung gibt es auch kein Verzeihen», sagt Löffler.

Eine Krise der Literaturkritik

Den Radau und das «Krachschlagen» in der Literaturkritik begreift sie als Ausdruck einer Krise der Kulturkritik generell. Buch-, Film- und Theaterrezensionen werde in den Zeitungen immer weniger Platz eingeräumt. Die Kritik sei im Verschwinden begriffen. Neue Strategien zu entwickeln, wie die Aufmerksamkeit der Leser erreicht werden könne, sei schwierig. Einige Kritiker setzten «auf den Klamauk, den Eklat und die Skandalisierung von Texten». Reich-Ranicki sei weder der Einzige noch der Erste gewesen, der dies getan habe. «Das ist eine Entwicklung, die dem Zeitgeist geschuldet ist und nicht einer einzelnen Medienfigur.»

Nach ihrem Abschied vom «Literarischen Quartett» gründete Löffler in Berlin das Monatsmagazin «Literaturen», in dem sie unter wechselnden Schwerpunktthemen Belletristik und Sachbücher vorstellte. 2008 verliess sie das Magazin, nachdem der Verlag das Blatt neu ausrichten wollte. «Wenn aus dem kritischen Magazin jetzt ein Wohlfühl- und Service-Heft werden soll, dann ohne mich», sagte sie damals.

Neugier auf junge Autoren

Derzeit arbeitet an sie an einem Buch zur zeitgenössischen Literatur. «Da kann ich alles das unterbringen, was ich an Lektüreerfahrungen gesammelt habe.» Rezensionen schreibt sie weiterhin, oft fürs Radio, hält Vorträge, moderiert in Literaturhäusern, spricht mit Autoren, hält Literaturkritik-Seminare an Universitäten. «Ich mache eigentlich alles ausser der Zeitschrift 'Literaturen'.»

Ihr besonderes Interesse gilt Debütanten. «Ich entdecke ununterbrochen neue Autoren.» Sie legt Wert auf ein breites Spektrum, will sich überraschen lassen von dem, was neu auf den Markt kommt. Daneben gebe es natürlich auch Schriftsteller, die sie ihr Leben lang begleitet hätten und denen sie die Treue halte. «Ganz sicher sind Peter Handke und Elfriede Jelinek so etwas wie meine Lebensautoren.» Beide habe sie von deren erstem Buch an gelesen. «Und ich werde bestimmt auch jedes neue Buch von ihnen wahrnehmen.»

dapd

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