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Das Buch des Staunens

Der Augenschein als Augentäuschung: Christoph Ransmayr, Kultautor seit dem Roman «Die letzte Welt», legt nach langer Schreibpause mit dem «Atlas eines ängstlichen Mannes» ein einzigartiges Buch vor.

Kultautor und Bergsteiger: Christoph Ransmayr, hier bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 1997.
Kultautor und Bergsteiger: Christoph Ransmayr, hier bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 1997.
Keystone

Aus siebzig Geschichten besteht Christoph Ransmayrs neues Buch, aus siebzig Szenen an siebzig Schauplätzen rund um die Welt. Fast scheint es nach vollendeter Lektüre, als hätte man siebzig Romane gelesen. Dieser Reichtum macht es schwer, einen Eindruck vom Gelesenen, vom Miterlebten zu geben.

Zum Einstieg also ein Beispiel. «Ich sah», hebt Ransmayr an, so wie er jedes Kapitel mit diesen beiden Worten beginnt: «Ich sah das dunkle, schweissnasse Gesicht des Fischers Ho Doeun in einer gewittrigen Novembernacht in Phnom Penh.» Mit ihm und mit dem Erzähler feiern Hunderttausende das Wasserfest am Ufer des Mekong. Der Fischer setzt ein Schiffchen aus Bambus und Bananenblättern in die Strömung, die es alsbald in die Tiefe zieht. Ein Opfer, ein Ritual. Das Fest gilt nicht nur der neuen Jahreszeit, sondern auch einem Naturphänomen: Der Monsun lässt die Pegel von Flüssen und Seen meterhoch steigen, und der angeschwollene Mekong zwingt den Zufluss Tonle Sap zur Umkehr; er muss bergauf, seiner Quelle entgegen fliessen. Ein naturwidriger Vorgang, der sich jedes Jahr wiederholt.

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