Das bewegte Leben des Kräuterpapstes

In ihrem fundierten biografischen Roman «Uns Menschen in den Weg gestreut» zeichnet Marianne Künzle ein farbiges Zeitbild des bekannten Naturheilkundlers Pfarrer Künzle.

Pionier der unvermindert attraktiven Alternativmedizin: Pfarrer Künzle (1857–1945).

Pionier der unvermindert attraktiven Alternativmedizin: Pfarrer Künzle (1857–1945). Bild: Pfarrer-Künzle-Verein/zvg

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«Nein, wir sind nicht verwandt mit dem berühmten Kräuterpfarrer, wir haben nur denselben Heimatort», antwortet Marianne Künzle wohl nicht zum ersten Mal. Aber sein Name sei in ihrer Familie immer präsent gewesen und deshalb eine naheliegende Wahl, als die 1973 geborene Berner Buchhändlerin für ihre Ausbildung in literarischem Schreiben an der Zürcher Schule für ­Angewandte Linguistik eine Figurenstudie entwickeln sollte. Daraus entstand in vierjähriger Arbeit das erste Buch über den charismatischen Sankt Galler.

Für Seele und Körper

Der Gärtnerssohn Johann Künzle (1857–1945) interessierte sich seit seiner Jugend für Heilkräuter. Als katholischer Geistlicher in verschiedenen Dörfern seines Heimatkantons nutzte er sein Wissen für die Menschen in den medizinisch unterversorgten Gegenden. Seine Pfarrei Wangs bei Ragaz blieb verschont von der verheerenden Spanischen Grippe, worauf ihn die Gemeinde 1918 zum Ehrenbürger machte.

Trotz gewissenhafter seelsorgerischen Pflichterfüllung wurde der gut 50-Jährige zum gewieften Geschäftsmann: Er gründete einen Kräutermarkt, ein Volksbad und ein international frequentiertes Kurhaus. Das war ein Segen für die einkommensschwache Gegend; auch die Kinder sammelten unter Anleitung des freundlichen Geistlichen eifrig Kräuter. Die von ihm erfundene Maschine zur Produktion von Kräuterpillen und der Teeversand machten Künzle zum reichen Mann. Seine Jahreskalender waren Bestseller, seine Kräuterfibel «Chrut und Uchrut» verkaufte sich, übersetzt in viele Sprachen, zwei Millionen Mal.

Gewiefter Geschäftsmann: Kräuterpastillen (links) und Teeversand.

Dennoch lebte er bescheiden, steckte einen Grossteil seiner Einkünfte in kirchliche Werke. Und trotzdem verklagten ihn ­neidische Konkurrenten wegen Quacksalberei beim Bischof, der ihm 1922 alle ärztliche Tätigkeit untersagte und ihn ins bündne­rische Zizers zwangsversetzte. Das geforderte Fachexamen vor einem Ärztekollegium jedoch bestand der 65-Jährige glänzend, worauf das Berufsverbot aufgehoben wurde.

Über siebzig Jahre nach seinem Tod wird sein Tee weiterhin getrunken, sein «Grosses Kräuterheilbuch» soll aktualisiert neu herauskommen. Viele mag deshalb interessieren, was Marianne Künzle in Archiven, Briefen und Berichten von Zeit­zeugen über ihren Namensvetter zutage gefördert hat. Erstaunlicherweise gab es nämlich nur biografische Notizen in Künzles Büchern und seiner Zeitschrift «Salvia», aber kein Buch über den Pionier der unvermindert attraktiven Alternativmedizin.

Süffige Lektüre

Nun zeichnet ein Roman das differenzierte Bild seines eigen­willigen Charakters: Als tief­gläubiger Mensch war Johann Künzle überzeugt, dass «Gott uns die heilkräftigen Kräuter in den Weg gestreut hat», empörte sich aber über soziale Ungerechtigkeit. Konservativ und progressiv zugleich, setzte er sich ein gegen die Abschaffung der katholischen Schulen, sprach sich aber aus für die Modernisierung des Beichtsakramentes.

Und seine Zornesausbrüche waren ebenso legendär wie seine Grosszügigkeit. Vor einem stimmigen Zeithintergrund lässt Marianne Künzle neben historischen auch imaginäre Figuren auftreten, was dieser Lebensgeschichte Farbe und Spannung verleiht. Dass sie dabei die Originalzitate kennzeichnet, sei ihr hoch angerechnet.

Marianne Künzle: «Uns Menschen in den Weg gestreut», Zytglogge, 351 S. Lesung: 2. Juli, Heilkräutertage im Freilichtmuseum Ballenberg. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.06.2017, 11:52 Uhr

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