Anleitung zum Glücklichsein

Die französische Sprache kennt den Begriff Glück auch im Plural: Der Philosoph Marc Augé spürt den verstreuten «bonheurs» nach – und weiss, wo diese zu finden sind.

Manchmal braucht es nicht viel, bis sich Glücksgefühle einstellen. Foto: Gilles Coulon (Tendance Floue)

Manchmal braucht es nicht viel, bis sich Glücksgefühle einstellen. Foto: Gilles Coulon (Tendance Floue)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Die deutsche Sprache hat eine Tendenz zum Abstrakten und Allgemeinen und Absoluten. Das kommt ihr in der Philosophie entgegen, bei der es darum geht, das Wesen der Dinge zu benennen. Dieser aufs grosse Ganze zielende Ansatz ist manchmal aber auch hinderlich: Wenn sich Einzelheiten nicht integrieren lassen, werden sie nur nebenbei erwähnt oder ganz weggelassen. So kann Sprache den Blick auf die Wirklichkeit verengen oder verstellen.

Beim Begriff Glück lässt sich dies exemplarisch zeigen. Da es keine Mehrzahl gibt, liegt die ganze Last auf dem Singular: Glück gibt es im Deutschen nur am Stück und nicht geschnitten. Da haben es die Franzosen mit den «bonheurs» neben dem «bonheur» leichter. Unter «Glück» verstehen sie auch das Alltägliche und Nebensächliche. Dieses Vorübergehende, Ungeplante und Verspielte klingt in unseren Ohren zwar weniger seriös, kommt konkreten Erfahrungen aber näher.

Flüchtige Momente

Der französische Ethnologe und Anthropologe Marc Augé weiss um die Bedeutung alltäglicher Dinge für unser Wohlbefinden. Nach Publikationen über «Das Pariser Bistro» oder «Lob des Fahrrads» hat er sich nun in «Das Glück des Augenblicks» («Bonheurs du jour») einem schwierigeren Thema angenommen: Glückserfahrungen machen wir vor allem in unerwarteten und flüchtigen Momenten, die uns, kaum haben wir sie wahrgenommen, auch schon wieder entgleiten. «Les bonheurs» sind – überspitzt formuliert – das, was wir nicht als solche erkennnen.

In Abwandlung von Senecas Sentenz, wonach wir «oft sterben, weil wir Angst vor dem Sterben haben», könnte man sagen, dass wir auf der Suche nach dem Glück deshalb unglücklich sind, weil wir es in der unscheinbaren Aufmachung nicht wahrhaben wollen: etwa ein Treffen mit Freunden, ein Festessen oder ein Waldspaziergang.

Marc Augés schmales Bändchen ist eine «Liebeserklärung an den Moment», wie es im Untertitel heisst. Es geht nicht um etwas, was man festhalten kann, sondern um ein vorübergehendes Empfinden. Damit wir für dieses Glücksgefühl bereit sind, bedarf es dreierlei Dinge: «Wer glücklich sein möchte, sollte sich selbst kennen, auf den ­Augenblick achten und sich als nützlich für andere empfinden.» Wer diesen Dreischritt vom selbstbewussten Ich über den gelebten Moment bis zum anderen mache, lebe glücklicher.

Drei Schritte zum Glück

1. Die erste Voraussetzung ist die anspruchsvolle Umsetzung der altgriechischen Forderung, welche am Eingang zum Orakel von Delphi prangte: «Erkenne dich selbst.» Nur wer sich selbst richtig einschätzen kann und nicht überheblich agiert, wird ein seinen Anlagen adäquates Leben führen.

2. Der zweite Schritt hat mit Aufmerksamkeit zu tun. Gerade in unseren Tagen, wo dauernde ­Ablenkung zu unserer zweiten Natur geworden ist, könnte das lateinische Motto heilsam sein: Carpe diem! Geniesse den Augenblick, von dem du mitunter wünschst, er möge verweilen. Marc Augé erinnert daran, «dass die stets flüchtige Gegenwart die einzig greifbare Realität ist». Wir neigen allerdings dazu, das Glück genau dort zu vermuten, wo wir gerade nicht sind. Doch die Potenzierung von Optionen führt nicht zu einer Potenzierung von Glück.

3. Bei der Beschreibung des dritten Punktes betont Augé wiederholt, dass das Ich von Anfang an nicht nur vom Du abhängig ist, sondern sich erst in und mit diesem verwirklichen kann. Glück ohne irgendeinen Bezug zu anderen sei nicht denkbar, im Gegenteil: Eine seiner höchsten Formen sei die Empathie und die Solidarität, deren Notwendigkeit auch der deutsche Soziologe Heinz Bude in seinem soeben erschienenen Buch hervorhebt. Mein Dasein findet die Erfüllung im «Mitsein», um eine Wortschöpfung von Martin Heidegger zu zitieren.

Nun könnte der Eindruck entstehen, «Das Glück des Augenblicks» wimmle nur so von Exkursen in die Theorie. Dem ist aber nicht so. Das Buch lebt vor allem von den vielen, teils autobiografisch gefärbten Geschichten und Begebenheiten, die Augé erzählt: von Ausflügen nach Italien, vom gemeinsamen Singen im bretonischen Haus der Grosseltern, von wehmütigen Erinnerungen an vergangene Zeiten und einstige Räume (wie kurz die langen Wege der Kindheit doch geworden sind!).

Spiegel der Literatur

Schliesslich bringt Marc Augé die Literatur ins Spiel. Nicht nur von Glückserfahrungen erzähle sie, sondern sorge selber für solche, bemerkt der Kenner der französischen Literaturgeschichte. Und wer über das Glück, das Erinnerungen hervorrufen, schreibe, komme an Marcel Proust oder Jean-Jacques Rousseau – und ­deren Sehnsuchtsorten – nicht vorbei.

Während sich Letzterer auf der St. Petersinsel in die Naturbetrachtung versenkt, um sich der «Mühe des Denkens zu entheben», findet Proust auf seiner «Suche nach der verlorenen Zeit» Erfüllung in seinen sprachlich formschön gestalteten Ausflügen in die früheste Kindheit.

Auf beiderlei Weise kann Kunst reine Gegenwart schaffen: Im Verschmelzen mit der Natur oder der Vergangenheit formt der Schriftsteller sein Glück. Und da es Ausdruck im kreativen Werk findet, kann es geteilt werden – und eine Brücke zum Du bilden. Auch das zeigt Augé in seinem geglückten Büchlein.

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