Amerikas vergessene Seelen

J. D. Vance ist ein Kind der amerikanischen Unterschicht – eigentlich ein geborener Verlierer. In seinem grandiosen Buch «Hillbilly-Elegie» erzählt er vom Sumpf des heutigen Amerika und davon, wie er selbst es nach oben schaffte.

Macht im gemeinsam artikulierten Nein: Trump holte die «Abgehängten» Amerikas zurück ins Bewusstsein – und auf die politische Agenda.

Macht im gemeinsam artikulierten Nein: Trump holte die «Abgehängten» Amerikas zurück ins Bewusstsein – und auf die politische Agenda.

(Bild: Keystone)

In den medialen Analysen und Nachbetrachtungen zur letzten US-Präsidentenwahl war vielfach von den sogenannten Ab­gehängten die Rede, die Trump seinen überraschenden Wahlsieg beschert hätten. Jene vom Esta­blishment in New York und Washington längst Vergessenen und Tiefenttäuschten irgendwo da draussen in Michigan, Ohio oder Pennsylvania.

Gemeint sind die sogenannten Hillbillys und «White Trash»-People. Es sind die seit langem arbeitslosen ehemaligen Fabrikarbeiter, die ihre «verrosteten» Existenzen verdämmern – zumeist vom Heroin benebelt, in zugigen Wohnwagen, die in tristen Trailer-Parks stehen. Es sind Menschen, die schon verloren haben, ehe es überhaupt losgeht mit der Lotterie, die Leben heisst.

Die Rede ist von jenen sozial Zukurzgekommenen im sogenannten «rust belt», dem «Rostgürtel», der sich entlang der Grossen Seen von Chicago über Detroit, Cleveland, Cincinnati und Pittsburgh bis an die Ost­küste zu den Ausläufern der Me­tropolenregionen Boston, Washington D. C. und New York City erstreckt. Sie hatten nichts zu verlieren – weil sie nie etwas besassen. Bis zum vergangenen ­November, als der exzentrische Lautsprecher Trump sie zurück ins Bewusstsein holte – und auf die politische Agenda.

Zersetzende Kraft

Donald Trump machte sie zum Kanonenfutter seiner Brandreden, die er gegen Hillary Clinton abfeuerte. Er schwang sich zu ihrem Rächer und Retter auf. Er versprach ihnen das Blaue vom Himmel. Und plötzlich begriffen sie, wie viel Macht und zersetzende Kraft in einem gemeinsam artikulierten Nein stecken kann. Mit ihrem Überlaufen zu Trump in Scharen verpassten sie Hillary Clinton eine historische Niederlage – und waren plötzlich mal wer. Endlich.

Auch der 1984 in dem Indus­triestädtchen Middletown in Ohio geborene J. D. Vance ist einer von ihnen. Einer, der mit 14 mit Drogen rummachte, den Verlust als ständigen Begleiter er­lebte, irgendwann aufhörte, die Liebhaber seiner Mutter zu zählen – und sich zuletzt zu seinen Hillbilly-Grosseltern flüchtete. Heute, zwanzig Jahre später, ist er einer, der es geschafft hat, seinem scheinbar vorgezeichneten Schicksal zu entgehen. «Die Statistik zeigt, dass Kinder, wie ich eines war, einer trostlosen Zukunft entgegensehen», schreibt Vance in seinem nun auch auf Deutsch vorliegenden Buch. «Wenn sie Glück haben, sterben sie an einer Überdosis Heroin, wie es Dutzenden in meiner kleinen Heimatstadt allein im letzten Jahr widerfahren ist.»

Halt bei Grosseltern

Sein Buch «Hillbilly-Elegie» erzählt die Geschichte der vergessenen Kinder Amerikas – und wie man es schaffen kann, der vor­gezeichneten Verliererlegende zu entgehen. Bei den Grosseltern, beide ohne Schulabschluss, fand Vance jenen Halt, der ihm den Glauben schenkte, es schaffen zu können – aus dem Sumpf auf­zustehen und sich ein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu erarbeiten. Er macht als Erster seiner Familie den Highschoolabschluss, heuert bei den Ma­rines an – und macht die Erfahrung, dass man erfolgreich sein kann, wenn man sich etwas traut – und wenn man hart arbeitet. Im Folgenden studiert er Jura in Yale, einer der Eliteunis der USA – und tritt nach gemachtem Abschluss einen Job in einer der grossen Risikokapitalgesellschaften im Silicon Valley an.

All das erzählt Vance in seinem Buch, das zwischen Sozialreportage, bitterem Gesellschaftspor­trät und wütender Anklageschrift changiert. Nicht wenige halten es zu Recht für das derzeit wichtigste Buch über das heutige Ame­rika. Weil es all jenen eine authentische Stimme gibt, die fern der Ostküstenmillionäre etwas zu erzählen haben. «Denn», so schreibt Vance, «die Leute sollen wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich fast schon selbst auf­gegeben hat, und warum es tatsächlich so weit kommen kann.»

Bericht aus dem Inneren

Er porträtiert eine Region und ­ihre scheinbare Verurteilung zu dauerhafter Armut, Sinnlosigkeit und darin blühender Gewalt. Sein Buch ist der Bericht eines Intimkenners. Das macht es so faszinierend. Er rückt Menschen ins Rampenlicht, die nicht länger gewillt sind, sich abhängen zu lassen. Die endlich auch etwas ab­haben wollen vom grossen Kuchen namens Wohlstand. Trump hat es ihnen vollmundig versprochen. Sollte auch er sie vergessen, werden sie es ihm heimzahlen. Da kann er sicher sein. Das macht Vances Buch unmissverständlich klar. Dann werden sie mobil­machen, da unten in Ohio und Michigan, sich in ihren rostigen Truck setzen – und in Scharen kommen und holen, was auch ihnen gehört.

J. D. Vance:«Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise.» Ullstein, 304 Seiten.

Berner Zeitung

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