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Als stünde der Tod im Arbeitsvertrag

«Am Tag davor» von Sorj Chalandon erzählt von einem Grubenunglück, bei dem 42 Bergleute starben.

Trauer und Wut: Bergleute beim Begräbnis ihrer Kollegen, die beim Grubenunglück von Liévin 1974 starben. Foto: Pierre Michaud (Getty Images)
Trauer und Wut: Bergleute beim Begräbnis ihrer Kollegen, die beim Grubenunglück von Liévin 1974 starben. Foto: Pierre Michaud (Getty Images)

Es wäre unfair, die Wende zu verraten, die sich nach der Hälfte des Buches anbahnt, unvermittelt, und sich doch beim Zurückblättern und erneuten Lesen in Halbsätzen und Nebenbemerkungen schon deutlich abzeichnet. Eine Wende, die alles bis dahin Geschehene in ein neues Licht taucht und die Schatten der Geschichte ins Endlose wachsen lässt.

Sorj Chalandon erzählt in seinem Roman «Am Tag davor» vom grössten Grubenunglück in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Chalandon war 22 Jahre alt und Journalist bei der Zeitung «Libération», als am 27. Dezember 1974 die ersten Nachrichten von der Katastrophe im Schacht 3B des Kohlebergwerks von Liévin eingingen. Im Interview erzählt der französische Autor von «einer kindlichen Wut», die ihn am Tag des Todes der 42 Bergleute erfasste und seither nicht mehr verlassen hat. Sie wurde zum Antrieb für seine Arbeit.

Als Journalist berichtete er später unter anderem aus dem Irak, Somalia, Afghanistan und über den Prozess gegen Klaus Barbie, den Gestapo-Chef von Lyon. Als Schriftsteller schrieb er über die IRA, seinen tyrannischen Vater, den Bürgerkrieg im Libanon. Nun ist diese Wut zum Antrieb für seinen neuen Roman geworden, mit dem er zu jenem beruflichen Schlüsselerlebnis zurückgekehrt ist.

Die Bergleute hatten kaum eine Chance

Die «Libération» war 1974 eine der wenigen Zeitungen, die in ihrer Berichterstattung über das Unglück nicht von Schicksal sprachen – «als stünde der Tod im Arbeitsvertrag» –, sondern den Ursachen nachging. Die Direktion hatte den Schacht nicht mehr belüften lassen, um Kosten zu sparen. Er sollte in Bälde geschlossen werden. Chalandons Recherche ergab: Die Bergleute, die nach der Weihnachtspause am frühen Morgen des 27. Dezember in die Grube einfuhren, hatten kaum eine Chance, lebend wieder herauszukommen. «Die Grube wird uns noch alle umbringen», sagt Joseph Flavent kurz vor seinem Tod.

Flavent ist der 43. Bergmann im Schacht 3B. Chalandon hat ihn hinzuerfunden, ein Kunstgriff, um die reale Geschichte in Literatur zu verwandeln. In der Nacht vor der Explosion sitzt er auf dem Rücksitz des Mopeds, das sein kleiner Bruder Michel zum ersten Mal durch die Strassen von Liévin steuern darf. «So ist das Leben», jubelt Joseph. Glückseligkeit pur, zum letzten Mal im Leben der beiden jungen Brüder.

Für den 16-jährigen Michel wird es fortan ein anderes sein. Michel ist der Icherzähler des Romans. Josephs Tod beherrscht sein Leben so sehr, dass er vierzig Jahre nach dem Grubenunglück am damaligen Vorarbeiter, den er für mitschuldig hält, Rache nimmt. Aus dem, was Michel erzählt und was er verschweigt, aus den Fragen der Anwältin, der Psychologen und des Richters im Prozess, der den zweiten Teil des Romans strukturiert, schält sich der übermächtige Schmerz Michels heraus. Kein Richter wird hier das letzte Wort haben.

Der Verurteilte ist nicht der Schuldige

Chalandon ist eine Art Kriminalroman gelungen, in dem derjenige, der am Ende schuldig gesprochen wird, nicht die Schuld und schon gar nicht die Verantwortung trägt. In einfachen Worten und prägnanten Dialogen, von Brigitte Grosse stimmig ins Deutsche übersetzt, entwirft Chalandon einen weiten Spannungsbogen, innerhalb dessen sich seine vielschichtige Geschichte von Schmerz, Amnesie und Schuld entfaltet.

Hintergrund ist sein ursprünglicher Zorn, die wütende, ohne Pathos, aber vehement geführte Anklage gegen die Direktion jenes Bergwerks und grundsätzlich gegen ein Wirtschaftssystem, das Profit höher achtet als das Leben. Und das bis heute in aller Welt – in Bergwerken, Minen, Textilfabriken – Lebensgefahr ins Kalkül einbezieht.

Sorj Chalandon: Am Tag davor. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Grosse. DTV, München 2019. 320 S., ca. 34 Fr.

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