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«Alice im Wunderland» divers – wie sinnvoll ist das?

Die Repräsentation von Minderheiten beschäftigt den amerikanischen Literaturbetrieb. Die Lesereise einer Bestsellerautorin wurde abgesagt.

Alexandra Kedves
Dorothy muss keine Weisse sein – die Buchhandlung Barnes & Noble bestellte für den «Zauberer von Oz» Einbände mit Heldinnen verschiedener Ethnien. Foto: TBWA\Chiat\Day
Dorothy muss keine Weisse sein – die Buchhandlung Barnes & Noble bestellte für den «Zauberer von Oz» Einbände mit Heldinnen verschiedener Ethnien. Foto: TBWA\Chiat\Day

Sie haben es gut gemeint. Der amerikanische Online-Buchhändler Barnes & Noble hat sich extra für den jährlichen «Black History Month» – der in den USA seit den 1970ern gepflegt wird und nun am 1. Februar startete –, eine Aktion unter dem Titel «Diverse Editions» ausgedacht. Man wolle das kritische Bewusstsein schärfen, hiess es, Aufmerksamkeit fürs Thema wecken, zumal die klassische Literaturwahrnehmung noch immer eine weisse Schlagseite habe. Doch der Schuss ging nach hinten los.

Die Buchhandlung hatte also, gemeinsam mit dem grossen Verlagshaus Penguin Random House, 100 Klassiker auf Herz und Nieren geprüft, in denen die Rasse der Protagonisten nicht explizit genannt wird. Am Ende suchte man zwölf Bücher aus, für die neue Cover geschaffen werden sollten: Die Heldinnen und Helden wurden nun auch als Farbige dargestellt. Für jedes Buch entwickelten Künstler jeweils fünf Cover-Versionen mit verschiedenen Ethnien.

Ein grosser Wurf, ganz weit daneben: Die «Diverse Editions» von Barnes & Noble. Foto: TBWA\Chiat\Day
Ein grosser Wurf, ganz weit daneben: Die «Diverse Editions» von Barnes & Noble. Foto: TBWA\Chiat\Day

Der Einband von «Der Zauberer von Oz» zeigt etwa einmal eine schwarze Dorothy in blauem Kleidchen und aufwendiger Flechtfrisur; alternativ eine asiatische mit offenem Haar in pinkem Kleid oder eine indianische in Grün. In der indianischen Version hat «Alice im Wunderland» lange schwarze Zöpfe, während die asiatische Alice eine Pagenkopf-Frisur trägt. Auch «Frankenstein» von Mary Shelley gibts unter anderem mit schwarzhäutigem Monster vorne drauf.

Kaum veröffentlicht, wurden die Buch-Cover scharf kritisiert. Der afroamerikanische Autor Rod T. Faulkner etwa verriss das Konzept als «literarisches Blackface». Und Angie Thomas, die afroamerikanische Autorin des mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Romans «The Hate U Give», ätzte über die antirassistische Kosmetik von Barnes & Noble: «Fördert Bücher von Farbigen. Nur so ein Gedanke.»

Die Online-Buchhandlung zeigte sich umgehend zerknirscht und räumte ein, dass schwarze Helden auf Buchcovern keinen Ersatz für schwarze Autorenstimmen darstellen. Sie zog die Bücher zurück.

Die Aufregung über die angemessene Repräsentation von Minderheiten in der Literatur wirft in den USA auch im neuen Jahr bereits wieder hohe Wogen. Das Buchcover-Debakel schloss sich da nahtlos an andere heftige identitätspolitische Kontroversen im Business an.

Ist Jeanine Cummings braun genug für eine Mexikaner-Story?

So hagelte es im Januar Kritik an dem im Vorfeld schwer gehypten Bestsellerromans «American Dirt» der ziemlich weissen Autorin Jeanine Cummins (einer US-Amerikanerin mit irischen und puerto-ricanischen Wurzeln). Die Mitte der Siebziger geborene Schriftstellerin schildert dort packend das Fluchtschicksal einer mexikanischen Mutter und ihres achtjährigen Sohns und hatte selbst bescheiden konstatiert, die Geschichte habe ihr auf den Nägeln gebrannt, hätte aber eigentlich von jemandem aufgeschrieben gehört, der «ein wenig brauner ist als ich.»

Ein bisschen Puerto Ricanerin, aber offenbar nicht genug: Jeanine Cummins, Autorin des Bestsellers «American Dirt». Foto: Copyright JeanineCummins.com

Empörte Autoren mit lateinamerikanischem Background, sogenannte «Latinx», konterten: Solche Geschichten von «brauneren» Menschen gebe es durchaus, und zwar authentischer und besser geschrieben als «American Dirt». Nur würden diese eben wegen des strukturellen Rassismus' keine Verleger oder zumindest viel weniger Beachtung finden als Werke weisser Schriftsteller. So erregte sich jüngst auch die Schriftstellerin Wendy Ortiz, dass ihre Missbrauchs-Memoiren von 2014 auf eine Menge Ablehnung stiessen – ganz anders als heute ähnliche Bücher aus der Feder weisser Autorinnen; bei einer vermutete sie gar Plagiat, was eine eigene Artikelwelle auslöste.

Die Aggressionen gegenüber Jeanine Cummins nahmen Ende Januar derartige Ausmasse an, dass der Verleger die bereits organisierte Lesereise aus Sicherheitsgründen absagen musste. Die Diskussion darüber, wer wen repräsentieren darf, welche Gefahren «political correctness» birgt und auf welche Weise der Literaturbetrieb am besten umzubauen sei, um den Schreibenden jeder Herkunft gerecht zu werden: Sie ist noch lange nicht abgeschlossen.

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