ADHS – bloss eine fabrizierte Krankheit?

Die Diagnose ADHS sei immer falsch, schreibt der US-Neurologe Richard Saul. Denn ADHS sei gar keine Krankheit. Ende Woche erscheint sein Buch «Die ADHS-Lüge» auf Deutsch.

Man könnte meinen, ADHS sei ansteckend: Die Zahl der Menschen, bei denen die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert worden ist, stieg in den USA im vergangenen Jahrzehnt um vierzig Prozent.

Die Zahlen stammen aus dem Buch «Die ADHS-Lüge», das Ende Woche auf Deutsch erscheint und in den USA für einige Kontroversen gesorgt hat, denn vor allem steht in dem Buch: ADHS ist gar keine Krankheit. Geschrieben hat das Werk Richard Saul, ein renommierter US-Neurologe mit der Berufserfahrung von fünfzig Jahren.

ADHS, so seine zentrale These, sei bloss eine Ansammlung von Symptomen, die jedoch ganz unterschiedliche Ursachen haben könnten. Und sei also keine eigenständige Krankheit, sondern das Produkt anderer Leiden. Saul findet es «höchst erstaunlich», dass hier eine Krankheit aufgrund von Symptomen und nicht von Ursachen definiert werde.

«Tolle Erklärung für alles»

Das Problem an der «fast reflexartig» erfolgenden Diagnose ADHS, schreibt er weiter, sei die Behandlungsmethode: psychostimulierende Medikamente wie Ritalin. So würde aus der zwangsläufig falschen Diagnose auch eine potenziell gefährliche. Einer seiner plastischen Vergleiche: Wer wegen Bauchschmerzen zum Arzt geht und Schmerzmittel erhält, verlässt die Praxis zwar ohne Schmerzen, stirbt aber ein paar Jahre später an Darmkrebs.

Saul prangert auch das Suchtpotenzial und die Nebenwirkungen von Ritalin&Co. an, die bestenfalls als «Pflaster» kurzzeitig gute Resultate lieferten. Viele Patienten würden schon mit selbst gestellter ADHS-Diagnose zum Arzt gehen, um dort schnell das Rezept abzuholen, denn viele Leute wollten schnelle Lösungen, und ADHS sei «eine tolle Erklärung für alles», schreibt Saul. Dabei sollte man besser nach den wahren Ursachen suchen und diese adäquat behandeln.

Als mögliche wahre Ursachen führt der Neurologe mehr als zwanzig medizinische Diagnosen auf, die er eingehend bespricht; darunter Schlafstörungen, Seh- und Hörschwierigkeiten, Drogenmissbrauch, Legasthenie, Eisenmangel, Allergien, Hochbegabung, bipolare und depressive Störungen. In relativ vielen Fällen sei die Diagnose ADHS aber schlicht deshalb falsch, weil die Patienten gar nicht krank seien. Dann gelte: Es ist nicht ADHS, es ist das Leben.

Es ist keine Überraschung, dass sein Buch heftige Widerrede erfahren hat. Doch Saul ist nicht alleine. So sagte ausgerechnet Leon Eisenberg, der wissenschaftliche Vater von ADHS, dem «Spiegel» schon vor zwei Jahren: «ADHS ist ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung.»

Berner Zeitung

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