Abschied im Zorn

Max Frisch war einer von 150'000 Schweizern, die von der Bundespolizei über Jahrzehnte fichiert wurden. Nun erscheint aus dem Nachlass seine Abrechnung mit dem «verluderten» Staat.

Oliver Meier@mei_oliver

Ein Schlussstrich? Max Frisch ist 79 und schwer krank, als er 1990 sein letztes Typoskript beendet. Vermeintlich. Zwei Linien queren das Blatt, beide sind an einer Stelle unterbrochen. Als ob die Schreibmaschine defekt wäre. Oder als ob dem Autor die Kraft beim Anschlag fehlen würde. Frisch weiss, dass er nicht mehr lange lebt. Darmkrebs. Bald wird er nur noch im Bett liegen, vergraben in der «Matratzengruft» wie einst der grosse Heinrich Heine.

Doch ironischen Esprit – Heines Markenzeichen – bringt er selber nicht mehr auf. Die Tonalität ist eine andere. Zorn. Bitterkeit. Enttäuschung über einen Staat, der ihn ihm nicht den konstruktiven Kritiker sah, den er selber sein wollte. Sondern: Einen potenziellen Staatsfeind und Landesverräter.

Rund 900'000 Fichen hat der Staatsschutz über Jahrzehnte geführt, 600'000 Ausländer sind betroffen, 150'000 Organisationen und noch einmal so viele Schweizer. Frisch gehört dazu. Als der Skandal 1989 auffliegt, boykottiert er die 700-Jahr-Feier, fordert die Akten an – und erhält sie als einer der ersten, ausgerechnet am Nationalfeiertag 1990.

Noch am gleichen Tag setzt er sich an die Schreibmaschine, notiert: «Die erste Zeile ist korrekt: – Name: Frisch». Doch danach sieht er nur noch Liederlichkeit am Werk. Frischs zweiter Vorname ist den Staatsschützern ebenso entgangen wie die Tatsache, dass er Kinder gezeugt hat. Der Autor korrigiert, formuliert Einwände, kommentiert. Eintrag für Eintrag nimmt er sich vor – das Ergebnis aus 43 Jahren Observation, verpackt in 15 Aktenseiten. Viele Stellen sind zum Ärger Frischs geschwärzt. Eine ungeschwärzte Version wird erst nach seinem Tod eintreffen.

Literarisierung misslingt

Schriftsteller, die über ihre Fiche schreiben: Fast könnte man von einem eigenständigen Schweizer Genre sprechen. Die beiden besten Beispiele zeugen von bitterbösem Humor: Dürrenmatt verarbeitete das Thema in einer irritierenden Rede («Die Schweiz – ein Gefängnis»), Niklaus Meienberg beklagte die «ungemein magere» Ausbeute der Bundespolizei in einem herrlichen Text, strotzend vor Ironie («Die Enttäuschung des Fichierten über seine Fiche»).

Nichts davon ist bei Frisch zu spüren. Der Biss ist weg, die Literarisierung misslingt. «Ignoranz als Staatsschutz?», fragt Frisch und wirkt dabei nicht selten oberlehrerhaft, ja verbiestert. Ein schaler Gruss aus einer Welt, die weit weg scheint. Eine Welt der analogen Überwachung, vollführt von dilettantischen Beamten, die den Feind stets links und im Osten wähnen. Der Mensch erscheint (allmählich) im digitalen Zeitalter, Frisch aber bleibt dem Analogen treu, bearbeitet im Zweifingersysten seine Schreibmaschine, geht mit Schere und Klebstreifen ans Werk. Die Collagetechnik, die er in seinem grossartigen Spätwerk «Der Mensch erscheint im Holozän» erprobt hat, kommt auch in seiner Fichen-Korrektur-Prosa zum Zug.

«Was muss ausserhalb des Bundeshauses geschehen, damit die Schweiz () im neuen Europa nicht dasteht als Dorftrottel?», fragt Frisch zuletzt. Dann folgen die beiden Linien quer übers Blatt. Schlussstriche? Ja! Nein! Noch einmal holt der alte Frisch Anlauf, listet auf, was die Staatsschützer vergessen haben.

Warten auf die Briefe

Gelesen haben muss man das alles nicht. Als Zeitdokument aber hat es seinen Wert, vor allem dank dem gehaltvollen und erhellenden Apparat der Herausgeber, mitsamt Vorwort, Nachwort und Anmerkungen.

Wars das mit dem Nachlass? Nein! Ruft die Frisch-Gemeinde. Noch immer fehlt der Briefwechsel mit der Dichterin Ingeborg Bachmann. Die Beziehung zwischen Frisch und Bachmann, die 1962 desaströs endete, ist geheimnisvoll umwölkt. Entsprechend ungeduldig wartet man auf die Publikation der Briefe. Doch sie bleiben, anders als die Fichen, vorerst im Giftschrank.

Berner Zeitung

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