Zeit für einen anderen Schluss

Martin Suter hat einen Roman umgeschrieben. Der Schluss liess eine Deutung zu, die ihm missfiel. Jetzt ist er jenseits der Logik, aber eindeutig.

Man stürzt sich auf einen Grossen – und spielt ihn gegen die Kleinen aus: Autor Martin Suter.

Man stürzt sich auf einen Grossen – und spielt ihn gegen die Kleinen aus: Autor Martin Suter.

(Bild: Keystone)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Opernregisseure lieben es. Sie platzieren schon während der Ouvertüre eine Person auf der Bühne, die dem folgenden Geschehen irgendwie somnambul folgt: Alles nur ein Traum, soll das heissen.

Martin Suter hasst das: Geschichten, die sich am Schluss als blosse Träume herausstellen. Das hat er jetzt der FAZ mitgeteilt. Und weil er das hasst, muss es ihn gewurmt haben, dass sein Roman «Die Zeit, die Zeit» sozusagen träumerisch missverstanden werden konnte und auch missverstanden worden ist. «Die Zeit, die Zeit»: Der Roman, 2012 erschienen, unternimmt ein eigentümliches Experiment, eben mit dem im Titel gedoppelten Begriff. Die Hauptfigur Taler hat durch einen Mord Laura verloren, die geliebte Frau. Weil er die Tür zu spät geöffnet hat, glaubt er – und vergräbt sich in sein Elend. Gegenüber wohnt der alte Knupp, dessen Frau vor 20 Jahren gestorben ist. Knupp ist fest davon überzeugt, dass es keine Zeit gebe, nur Veränderung, und arbeitet daran, den Todestag seiner Frau exakt zu rekonstruieren. Wenn alles so sei wie damals, meint er, öffne sich ein Fenster in die Zeit und man könne einen anderen Weg einschlagen.

Wie geht es aus?

Taler lässt sich in diese Spekulation hineinziehen. Was er und Knupp «zurückbauen» können, ist zwar nicht die Zeit, aber der Raum, und so werden Haus und Garten um 20 Jahre zurückversetzt. Eine penible Arbeit, die auch den Roman des eigentlich rasanten Autors Suter zu einer manchmal mühsamen Lektüre macht. Was den Leser bei der Sache hält, ist natürlich die Erwartung: Wie geht es aus?

Es geht so aus, dass das Experiment glückt (der Roman ist seit drei Jahren auf dem Markt, man verrät also nichts, was nicht jeder schon wissen könnte). Laura lebt. Das zu glauben oder nicht, ist Sache jedes einzelnen Lesers; Literatur, auch realistische, darf über die Stränge der Logik schlagen, wenn sie es überzeugend macht. Nun hatte Suter einen kleinen Ausweg gelassen: Taler betrinkt sich, nachdem er Knupp als Mörder Lauras erkannt und erschossen hat, und schläft ein. Sodass die wunderbare Wiederauferstehung (oder der Mord) so zu lesen war: Alles nur ein Traum.

Der Ausweg war ungewollt, und Suter hat sich über die Lesart, die mancher Kritiker wählte (und dann als billigen Trick monierte), geärgert. Deshalb hat er den Schluss umgeschrieben. Es sind nur wenige Sätze – Taler trinkt jetzt nur ein Glas, bleibt wach, schreibt ein Geständnis nieder und trifft auf die quicklebendige und über seine heftige Umarmung etwas genervte Laura. Das Unglaubliche hat sich ereignet, Suter lässt keinen Zweifel und keinen Ausweg zu. Auch jenseits der Logik legt er Wert auf Präzision.

Seit Februar dieses Jahres ist die veränderte Fassung als Taschenbuch im Handel. Die Rezensionen des Buches werden allerdings nicht umgeschrieben werden. Die Zeit, die Zeit ist über sie hinweggegangen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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