Weite Welt und enge Mauern

Mit Notizblock und Kamera bereisten Katharina von Arx und Frédéric Drilhon ferne Länder. Der Burgdorfer Autor Wilfried Meichtry erzählt ihre filmreife Lebensgeschichte im Buch «Die Welt ist verkehrt, nicht wir!»

  • loading indicator

Das Buch «Nehmt mich bitte mit!» elektrisierte Mitte des letzten Jahrhunderts die jungen Leute, lange vor der Zeit der billig reisenden Globetrotter. Darin erzählt Katharina von Arx (1928–2013), wie sie es als 25-jährige Sekretärin und Kunststudentin ohne Geld rund um die Welt schaffte: Sie schnorrte Schiffs- und Flugtickets, porträtierte Mitpassagiere, sang zur Ukulele, trat im US-Radio und -Fernsehen auf, verfasste Artikel. Und merkte dabei, dass sie ihr Leben leichter mit Schreiben verdienen konnte als mit Zeichnen und Malen.

Die hitchhikende Swiss Miss wurde so berühmt, dass ihr eine Schweizer Illustrierte eine Reportagereise mit frei wählbarem Ziel anbot. Als frühe Feministin, die aufbegehrte gegen die Dominanz selbstgefälliger Männer, reiste sie nach Tonga, der von einer Königin regierten Pazifikinsel.

Lovestory zweier Abenteurer

Von der Redaktion mitgeschickt wurde der französische Fotograf Frédéric Drilhon (1926–1976), genannt Freddy, seinerseits ein Abenteurer: Als 16-Jähriger hatte er freiwillig Kriegsdienst auf U-Booten geleistet, dann als Steuermann auf einem Handelsschiff die Südsee befahren. Doch eigentlich wollte er Forscher und Reporter sein. Das gelang ihm mit der spektakulären Dokumentation eines ehemaligen Kannibalenstammes auf einer entlegenen Insel der Neuen Hebriden.

Nach anfänglichem Misstrauen erkannten die Arbeitskollegen ihre Gemeinsamkeiten: Beide waren reisesüchtige Ausbrecher und erfolgshungrige Journalisten. Und beide litten unter einer schwierigen Elternbeziehung. Katharinas Vater hatte nach dem Bankrott seiner Filzfabrik in Niedergösgen die Familie verlassen, die Mutter zeigte wenig Verständnis für die aufmüpfige Tochter. Und der sensible Freddy wurde als 14-Jähriger verstossen wegen eines Diebstahls, den er nicht begangen hatte. Zeitlebens rang er vergeblich um die Liebe seiner Mutter.

Auf nach Neuguinea

Wohl nicht zuletzt deshalb war er angezogen von der gross gewachsenen, starken Katharina. Er unterstützte ihr Verlangen nach einer gleichberechtigten, unabhängigen Beziehung, schlug sogar vor, sich als Ausdruck respektvoller Distanz zu siezen. Obwohl Freddy noch verheiratet war mit einer auf einer Südseeinsel lebenden Französin, nahm er Katharina mit auf seine monatelange Expedition in den Dschungel von Neuguinea. Ihre weltweit abgedruckten Reportagen von archaischen Stammesriten machten Katharina in der Schweiz zur Titelblattfigur.

Trotzdem mussten die beiden, zurück in Paris, von Luft und Liebe leben. Als nach der Geburt ihrer Tochter Frédérique ihre Einzimmerwohnung unzumutbar wurde, inserierten sie optimistisch: «Suchen Landhaus mit Park, nicht unter 150 Jahre alt, wenn auch verfallen.»

Sie ahnten nicht, was sie sich einbrockten, als sie sich bei einem Zufallsaufenthalt in das Schloss im Waadtländer Dorf Romainmôtier verliebten. Das 800-jährige Herrschaftshaus, in dem der Klosterprior einst vornehme Jakobspilger empfing, war ein weitläufiges, baufälliges Gebäude voller Gerümpel. Für 48000 Franken wurde es die Gemeinde nur zu gerne los.

Traum von einem Zufluchtsort

Das inzwischen verheiratete Paar brachte die Anzahlung mit Freundeshilfe auf und stürzte sich begeistert in die Renovation. Doch diese erwies sich als uferlos, die Schulden wuchsen. «Wir müssten dafür vierhundert Jahre zu zweit arbeiten», notierte Katharina mit ihrem typischen Galgenhumor. Wiederentdeckte wertvolle Malereien an Decken und Wänden riefen die Denkmalpflege auf den Plan, die zwar Unterstützung versprach, aber unter verzögernden Auflagen.

Freddy, der harten Arbeit und materieller Sorgen leid, drängte auf einen Verkauf. Doch Katharina blieb unerschütterlich: «Ich bin mein Haus!» Sie verdiente Geld mit Büchern über ihr «Luftschloss in Wolken», fand Sponsoren und freiwillige Helfer, brachte eine Stiftung zusammen. Sie träumte von einem Zufluchtsort fernab der Hektik. Denn sie tat sich zunehmend schwer mit dem modernen Leben: «Die Welt ist verkehrt, nicht wir!»

Ihr Mann war längst geflüchtet: erst in Alkohol und Depression, dann nach Paris und England. Die beiden trennten sich, blieben aber freundschaftlich verbunden. Kaum 50-jährig, starb Frédéric Drilhon an einem Herzinfarkt – kurz nach der Aufdeckung seiner Unschuld in der Diebstahlsaffäre seiner Jugend, vor der ersehnten Versöhnung mit seiner Mutter. Katharina warf sich lebenslang vor, ihre Ehe einem alten Haus geopfert zu haben. Ihre Tochter lebte als Architektin in Mexiko.

Sie selber blieb allein zurück mit ihren Katzen in dem riesigen Haus, dessen Prachträume für kulturelle und private Anlässe genutzt wurden. Derweil verstaubten im Dachstock 30 Jahre lang Dutzende Schachteln voller Manuskripte, Tagebücher, Fotos, Film- und Tonaufnahmen von Katharina und Freddy Drilhon-von Arx.

Sternstunden des Historikers

Was für eine Schatzgrube für einen Historiker wie Wilfried Meichtry. Der in Burgdorf lebende Autor literarischer Biografien über Iris und Peter von Roten und Mani Matter wurde 2011 durch einen Freund auf Katharina von Arx aufmerksam und gewann ihr Vertrauen. Viele Stunden hat er in ihrer kleinen Wohnung in Romainmõtier verbracht, ist auch mit ihr nach Paris gereist. Er sagt: «Ich war fasziniert von den lebendigen Erzählungen der über 80-jährigen Frau und berührt von der Tragik des Paares.»

Das wird spürbar in seinem Buch. Katharina und Freddy werden darin gleichwertig lebendig mit ihren humorvollen Texten und Zeichnungen und mit seinen eindrücklichen Fotos. Sabine Timoteo und Christophe Sermet verkörpern die beiden im zurzeit entstehenden Film, in dem Meichtry erstmals Regie führt. Und «La Maison du Prieur» in Romainmôtier bleibt als «Centre de retraite» für Kulturschaffende erhalten.

Wilfried Meichtry: «Die Welt ist verkehrt, nicht wir!» Nagel & Kimche, 340 S., reich illustriert. Lesung: 27. Oktober, 20 Uhr, in der Berner Buchhandlung Thalia.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...