Wahrheit weich wie Katzenfell

Er griff in die Mündelkasse, liess Frau und Kinder zurück und gründete in Argentinien ein Dorf und ein neues Leben: Das neue Buch von Pedro Lenz beruht auf der wahren Geschichte eines Emmentaler Auswanderers.

Spuren eines Auswanderers und Dorfgründers: In der nach Teófilo Romang benannten argentinischen Ortschaft Romang stiess Pedro Lenz auf das  Denkmal seiner Romanfigur.

Spuren eines Auswanderers und Dorfgründers: In der nach Teófilo Romang benannten argentinischen Ortschaft Romang stiess Pedro Lenz auf das Denkmal seiner Romanfigur. Bild: Stefan Anderegg

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2012, knapp 300 Kilometer entfernt von der Provinzhauptstadt Santa Fé, nahe dem Fluss Paraná, nordwärts: Der Berner Autor Pedro Lenz (48) geht im 10'000-Seelen-Dorf Romang ins Hotel. Kaum zehn Minuten dauert es, dann wissen die Nachkommen in der Schweizer Kolonie Bescheid. Der Gast aus der Heimat wird herumgereicht, stolz erzählen die Leute von ihrem Dorf und dem Gründer. Lenz ist auf Recherche, das Magazin «Reportagen» hat ihn für eine Woche nach Argentinien geschickt. Nach Romang, das der Emmentaler Auswanderer Peter Wingeier vor 150 Jahren gegründet hat, unter falscher Identität und falschem Namen.

Lenz sammelt Erzählungen, schiesst Fotos von den Grabsteinen der Schweizer Einwanderergemeinde, vom Haus, das der Gründervater bauen liess, von Briefen und Urkunden im Ortsmuseum, von Kindern im Turnverein. Doch dann merkt er: «Die Reportage ist nicht meine Form. Als literarischer Stoff hingegen hat mich die Geschichte interessiert.» Er bot dem Magazin an, die Auslagen zurückzuzahlen, und entwickelte ein Bühnenprogramm. Dieses liegt jetzt als Buch und Hörbuch vor: «I bi meh aus eine».

Geschickter Kunstgriff

«D Fakte chasch ufschriibe/ aber d Worhheit, die muesch gspüre/wöu si gschmeidig isch/ wi nes Chatzefääli» liest man da. Und Lenz macht einen geschickten Kunstgriff, um diese Geschmeidigkeit ein- und allfällige Ungenauigkeiten aufzufangen: Im Buch erzählt Wingeiers Sohn August 50 Jahre später einem Korrespondenten die Geschichte.

Jene von einem Mann, der in die Mündelkasse griff, Frau und Kinder im heimischen Trubschachen zurückliess und auf der Überfahrt einer Witwe die Papiere ihres verstorbenen Mannes abkaufte. Der unter dem neuen Namen Dr. Teófilo Romang in der neuen Welt als Arzt praktizierte, ein Dorf nach seinem Namen gründete und es zu Reichtum und Ansehen brachte. Der Sohn und Tochter nachzog, die Tochter verheiratete, seine Frau aber in Armut und Schande in der Heimat zurückliess. Der Kunstgriff mit der ins Jahr 1913 verlegten Rahmenhandlung hat einen zweiten Grund: die Musik. Lenz und Bühnenpartner Patrick Neuhaus wollten die Geschichte mit Tango untermalen, der Tango entstand jedoch erst mit dem beginnenden 20.Jahrhundert. «In der Zusammenarbeit mit Patrick bin meist ich daher derjenige, der sich mit dem Texten der Musik anpasst» sagt Lenz. So wechseln sich narrative Passagen ab mit Liedelementen, Lautmalerei, Wiederholungen in der Nacherzählung der Legende dieses – ja was nun, Helden oder Betrügers?

Über seine Verhältnisse gelebt

«Romang war wohl jemand, der gerne über seine Verhältnisse lebte», sagt Lenz. Es gebe viele, die ohne böse Absichten aus einer verfügbaren Kasse Geld leihen, es dann aber doch nicht zurückzahlen könnten. «In der damaligen Zeit war es möglich, einen Strich zu ziehen und noch einmal ganz von vorn anzufangen». Das vergisst man heute gerne: Historisch gesehen ist die Schweiz ist ein Auswandererland.

I bi meh aus eine: Pedro Lenz, 75 Seiten; Hörbuch: mit Patrick Neuhaus am Piano, beide Cosmos-Verlag. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.09.2013, 13:31 Uhr

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