Vom Arztkittel zu den Wasserleichen

Am kommenden Dienstag erscheint Paul Wittwers neuer Roman «Widerwasser». Im Gespräch erläutert der Berner Autor, wie er zum Schreiben gekommen ist, wie sein Arztberuf seine Bücher prägt, und wie sein drittes Buch darüber hinausweist.

Beliebter  Hausarzt und erfolgreicher Autor: Normalerweise haben Paul Wittwers Bücher in seiner Praxis jedoch nichts zu suchen.

Beliebter Hausarzt und erfolgreicher Autor: Normalerweise haben Paul Wittwers Bücher in seiner Praxis jedoch nichts zu suchen. Bild: Andreas Marbot

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Dr.Paul Wittwer hat die weisse Schürze noch nicht ausgezogen für das feierabendliche Gespräch über seine Bücher in seiner Oberburger Praxis. Doch sonst trennt er die beiden Tätigkeiten streng voneinander: «Hier muss ich den Kopf für meine Patienten frei halten, geschrieben wird ausschliesslich zu Hause.» Dafür bleiben ihm neben Beruf, Familie und Sport wöchentlich gerade mal fünf Stunden, weshalb Jahre zwischen seinen Büchern liegen.

Schwierige Verlagssuche

Wie ist der viel beschäftigte Allgemeinpraktiker zum Schriftsteller geworden? «Ich wollte noch etwas ganz anderes machen, etwas Kreatives. Einen Krimi zu schreiben, habe ich mir am ehesten zugetraut.» Dies ohne eine Ahnung zu haben von den Schwierigkeiten einer Publikation: «Ganz naiv dachte ich, aus einem fertigen Manuskript werde automatisch ein Buch.» Doch zahlreiche Verlage in der Schweiz und in Deutschland lehnten ab, und der hoffnungsvolle Autor wollte schon aufgeben, als ihm 2002 ein Kurzgeschichtenpreis der Burgdorfer Krimitage neuen Mut machte.

Im Internet fand er den Berner Kleinverlag Nydegg, dessen neue Inhaberin Barbara Hirt sich für sein Buch begeisterte. Wittwers erstes Buch wurde Hirts erste Publikation und gleich ein Grosserfolg, so wie später auch Wittwers zweiter Roman: Die beiden Krimis «Eiger, Mord und Jungfrau (2004) und «Giftnapf» (2008) standen lange auf den Bestsellerlisten und erreichten zusammen eine Auflage von 75000 Exemplaren. Wie viel Aufwand es jedoch braucht, bis ein Buch nur einmal gedruckt ist, habe er total unterschätzt, gesteht der erfolgreiche Hobbyschreiber. Er habe nicht einmal gewusst, was ein Lektorat sei, doch dann profitierte er sehr davon. «Meine wichtigste Kritikerin ist aber meine Frau!»

Eigene Erlebniswelt

Wittwers Romane handeln von krimineller Medizin: der erste vom Organhandel, der zweite von illegalen Medikamentenversuchen. «Gewisse Kollegen halten mich deshalb für einen Nestbeschmutzer», lacht er. «Doch ich schreibe halt am leichtesten über ein Gebiet, das ich aus meiner eigenen Erlebniswelt kenne.» Und er findet es nicht schlecht, die Leute zum Nachdenken anzuregen, auch wenn er betont, er wolle vor allem spannend unterhalten.

Das gelingt ihm gut mit seinem neuen Roman «Widerwasser», nicht zuletzt, weil die kriminalistische Auflösung mehr überrascht als in seinen früheren Plots. Doch in erster Linie interessiert seine Hauptfigur: ein junger Arzt, der nach dem Verlust von Familie und Job in einer Lebenskrise steckt. Er tauscht seine Identität mit der einer Wasserleiche und gerät damit ins Visier der Mafia, die in Bern eine dubiose Klinik betreibt. Bei der Lektüre fesselt nicht nur die atemlose Verfolgungsjagd, sondern vor allem die Suche eines verunsicherten Menschen nach sich selber und seinen Wurzeln. Auch die anderen Personen überzeugen als psychologisch nachvollziehbare Charaktere, und das reiche Lokalkolorit stimmt.

Menschliches Interesse

Man spürt Wittwers Interesse, seine Anteilnahme an menschlichen Schicksalen. So glaubt man ihm seine Aussage: «Ich könnte mehr als ein Buch füllen mit den Geschichten aus meiner Praxis, doch die sind nicht für die Öffentlichkeit.»

Hat der 52-Jährige nie daran gedacht, den Beruf an den Nagel zu hängen? So wie es sein Vater im gleichen Alter tat und damit ein angesehener Kunstmaler wurde? «Mit dem Gedanken gespielt habe ich schon», gesteht der erfolgreiche Autor. Doch er denkt zu realistisch, um aus einer lustvollen Freizeitbeschäftigung eine finanzielle Notwendigkeit zu machen. Lieber habe er mit dem Ertrag seiner Bücher zeitgenössische Kunst gekauft oder seine Frau und die drei erwachsenen Kindern zu einer Reise nach New York eingeladen. Paul Wittwer weiss: «Schreiben ist eine einsame Sache, die tägliche Begegnung mit unterschiedlichsten Menschen würde mir fehlen. Ich lebe gerne in zwei Welten!»

Paul Wittwer: «Widerwasser». Kriminalroman, Nydegg Verlag, 400 S. Lesung: 9. Nov., 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher, Bern. www.stauffacher.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2011, 09:19 Uhr

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