Viermal Fiktion aus der BZ-Redaktion

Das gibts nicht alle Tage: Zwei Redaktorinnen und zwei Redaktoren der Berner Zeitung haben – unabhängig voneinander – einen Roman geschrieben. Wie es dazu kam, erklären die Schreibenden gleich selbst.

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Als Journalist(in) schreiben Sie schon den ganzen Tag. Warum jetzt auch noch in Ihrer Freizeit? Hans Herrmann: «Ich schreibe nicht nur zum Broterwerb, sondern aus Leidenschaft – und einer Leidenschaft frönt man doch auch in der Freizeit gerne! Wobei: Sobald ich schreibe, ist es aus mit der Freizeit »

Stefanie Christ: «Schreiben ist meine Leidenschaft, da ist es naheliegend, dass ich privat in die Tasten haue. Viele fragen mich, ob das nicht stressig sei. Nun ja, andere trainieren nach der Arbeit für einen Gigathlon»

Sandra Rutschi:«Das literarische unterscheidet sich vom journalistischen Schreiben. Ich liebe es, in eine andere Welt abzutauchen, mich in Figuren hineinzuversetzen und mit Zwischenebenen zu spielen.»

Hans Jürg Zinsli: «Ich halte es mit Neil Young («Rust Never Sleeps») und Motörhead («No Sleep ’til Hammersmith»):?Um sprachlichen Rost zu vermeiden, hämmere ich unaufhörlich an verbalem Neuland herum.»

Wie sind Sie auf Ihren Romanstoff gestossen?

Hans Herrmann: «Eines Tages schickte ein älterer Emmentaler einen Brief an unsere Redaktion. Darin behauptete er, eine Maschine erfunden zu haben, mit der sich das Energieproblem der Menschheit elegant lösen lasse. Natürlich war ich skeptisch, aber ich besuchte den Erfinder trotzdem. Wie erwartet funktionierte das Gerät nicht – aber es brachte mich auf die Idee zu meinem Spukroman.»

Stefanie Christ: «Beim Biertrinken mit einer Freundin. Ich hatte Lust, an einem generationenübergreifenden Vampirstoff zu schreiben. Wir sprachen über mögliche Inhalte, und plötzlich war die Idee geboren, die Geschichte im Kanton Bern spielen zu lassen. Für die Details exerzierte ich mögliche Szenen im Kopf durch, bis sie sich zu einem logischen Ganzen ver-dichteten.»

Sandra Rutschi: «Bei einem Spaziergang an der Aare stiess ich auf diesen wunderschönen Schrebergarten. In dieser scheinbar heilen kleinen Welt, der Schweiz nicht unähnlich, wollte ich meine Geschichte spielen lassen. Jemand sollte hier untertauchen und später zurückkehren. Weil der Kanton Jura gerade ‹Geburtstag› feierte, wurde dieser jemand zu einem jurassischen Freiheitskämpfer.»

Hans Jürg Zinsli: «Die Idee kam mir am Potsdamer Platz in Berlin. Dieser bestand nach dem Mauerfall aus einer S-Bahn-Haltestelle, einer schiefen Hütte und 99 Prozent Brachland. Da überlegte ich: Was könnte verrückter sein, als zwei Figuren zu erfinden, die an einem solchen Ort als Wegweiser dienen, im Lauf der Geschichte aber verloren gehen?»

Welche Romanfigur ist Ihnen am nächsten und warum?

Hans Herrmann: «Wer in der Ich-Form erzählt, muss sich immer ein wenig ertappt fühlen, wenn auskommt, dass vieles mit der Person des Autors übereinstimmt. Deshalb trete ich am besten die Flucht nach vorne an und gestehe: Am nächsten ist mir der Ich-Erzähler, denn ich bin ich – auch im Roman. Irgendwie.»

Stefanie Christ: «Meine Figuren sind nicht autobiografisch angelegt. In die Figurenzeichnung liess ich aber eigene Erfahrungen einfliessen: beim 16-jährigen Mädchen, das die Welt entdecken will, beim kindsköpfigen Vampir, der Grenzen auslotet, bei der rebellischen Prostituierten, die für ihre Unabhängigkeit kämpft, oder beim melancholischen Dichter.»

Sandra Rutschi: «Jede Figur steht mir in einem gewissen Bereich nahe. Doch mein persönlicher Held ist der jurassische Freiheitskämpfer, ein notorischer Grübler, der als alter Mann in den Schrebergarten zurückkehrt. Er muss nach dem Tod seiner Frau einen Teil seiner Vergangenheit aufar-beiten, den er verdrängt hat. Nur so findet er zurück zu sich und in die Gegenwart.»

Hans Jürg Zinsli: «Ich mag kleine fiese Figuren, die grossen Einfluss auf den Helden ausüben. In ‹Die Puppen von Zerbrau› ist es eine Marionette, welche die Hauptfigur mittels Telepathie in gefährliche Parallelwelten lockt. Dafür muss sie allerdings büssen.»

Wie oft waren Sie beim Schreiben der Verzweiflung nahe?

Hans Herrmann: «Eigentlich nie, denn ich entwickle für einen längeren Text immer ein detailliertes Exposé, lege also Wert auf ein betont strukturiertes Vorgehen. Das erleichtert mir den Entwicklungs- und Schreibprozess enorm.»

Stefanie Christ: «Verzweifelt bin ich, wenn ich eine Rechenaufgabe lösen muss, nicht beim Schreiben. Aber ich musste mich in Geduld üben: Beim Schreiben einer Szene war ich gedanklich oft schon bei der nächsten, hatte eine Idee für den Schluss oder eine Ergänzung für den Anfang...»

Sandra Rutschi: «Unzählige Male! Dann hätte ich am liebsten die ganze Schrebergarten-Datei aus meinem Computer gelöscht. Meistens half es, meine Ansprüche an mich etwas herunterzuschrauben und einfach mal weiterzuschreiben – irgendwann waren diese Phasen wieder vorbei.»

Hans Jürg Zinsli: «Verzweiflung gehört zum Schreiben. Sie besteht darin, nie zu wissen, wo man steht. Und wo der Verleger steht. Falls der Verleger überhaupt steht und nicht gerade anderweitig beschäftigt ist (was man nie wissen kann).»

Journalisten üben nicht selten Kritik. Sie setzen sich nun mit Ihrem Buch selbst der öffentlichen Kritik aus. Sind Sie gewappnet?

Hans Herrmann: «Als Journalist bin ich kritisch, als Mensch verletzlich – aber beides hoffentlich nur in einem für alle Beteiligten verträglichen Mass.»

Stefanie Christ: «Ich lasse es auf mich zukommen und freue mich über jede Auseinandersetzung mit meinem Buch – von Kritikern, vor allem aber auch von den Lesern.»

Sandra Rutschi: «Auch als Journalistin wird man kritisiert, Kritik ist wertvoll. Ich will als Buchautorin versuchen, jene Aspekte herauszufiltern, die mich weiterbringen.»

Hans Jürg Zinsli: «Wer austeilt, sollte auch einstecken können. In diesem Sinne: Ich bin gespannt. Auch auf mich selbst.»

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