Und plötzlich hören alle zu

Heute ist Schweizer Vorlesetag. Das Ziel: Kinder fürs Lesen zu begeistern. Wir stellen sechs neue Bücher vor, mit denen das besonders gut gelingt.

«Kinder lieben Tier- und Abenteuergeschichten»: Eva Blaser liest in der Bibliothek Spiez vor. Die Mädchen und Buben hören gespannt zu.

«Kinder lieben Tier- und Abenteuergeschichten»: Eva Blaser liest in der Bibliothek Spiez vor. Die Mädchen und Buben hören gespannt zu.

(Bild: Christian Pfander)

Mirjam Comtesse

Es ist mucksmäuschenstill. Zwölf Kinder von zwei bis sieben Jahren sitzen auf Kissen am Boden, zwei haben es sich auf dem Schoss ihrer Eltern gemütlich gemacht. Vor ihnen ist Eva Blaser (55), die im Alltag bei Spiez Marketing arbeitet und heute Nachmittag in die Rolle einer Märchentante schlüpft. Sie liest die Geschichte der «Bremer Stadtmusikanten» vor. Gebannt lauschen die Kinder.

Es ist «Gschichtezyt» in der Bibliothek Spiez. Einmal im Monat bringen verschiedene Erzählerinnen ihre liebsten Geschichten mit und präsentieren sie Mädchen und Buben ab dem Kindergartenalter. Manche erzählen frei, andere lesen vor. «Wir wollen auch schon ganz Junge ans Lesen heranführen», sagt Brigitte Burri, Leiterin der Bibliothek. Deshalb gibt es neben der «Gschichtezyt» sogar ein Angebot für noch jüngere Kinder. Im Rahmen des schweizweit durchgeführten Projekts Buchstart können Kleinkinder ab neun Monaten regelmässig Värsli hören, basteln und bei Fingerspielen mitmachen.

Bücher für alle

Viele Bibliotheken haben Angebote wie «Gschichtezyt» und «Buchstart». Was Spiez speziell macht, ist die Vielseitigkeit, mit der die Leitung versucht, die Bibliothek als Lern- und Erlebnisort zu gestalten. In «Makerspaces» etwa können sich Kreative und Tüftler betätigen. Es gibt auch die digitale Sprechstunde, wo Mitarbeiter zeigen, wie das Ausleihen auf dem E-Reader funktioniert, und im Sommer stellt die Bibliothek im Freibad Spiez Bücher zur Verfügung. Die Absicht: Lesen soll nah bei den Leuten sein und einen Hauch Coolness versprühen.

Je früher die Liebe zum geschriebenen Wort geweckt wird, desto nachhaltiger. Deshalb macht die Bibliothek Spiez auch am heutigen Schweizer Vorlesetag mit. Schülerinnen und Schüler des Oberstufenzentrums Längenstein lesen selbst geschriebene Hörbücher vor.

Lebendiges Vorlesen

Eva Blaser hat inzwischen vier Stofftiere ausgepackt, welche die Bremer Stadtmusikanten symbolisieren sollen: ein Pferd, ein Schaf, ein Affe und ein Rabe. Ein Mädchen stutzt. «Das ist doch kein Hahn, sondern der Rabe Socke», ruft sie. Die 55-Jährige lacht und nimmt nun die richtigen Tiere aus Holz aus ihrer Tasche. Die Kinder versuchen, Esel, Hund, Katze und Hahn in der richtigen Reihenfolge aufeinanderzustapeln. Doch diese purzeln immer wieder herunter.

Die Mädchen und Buben geben nicht auf. Während sie weiter üben, erzählt Eva Blaser die nächste Geschichte. Sie handelt von Fäbu, Regi und Thundi, die rund um den Thunersee einen Schatz suchen. Höhepunkt ist der böse Drache Damungo, der den Schatz bewacht. Obwohl einzelne Kinder inzwischen Mühe haben, noch länger stillzusitzen, schafft es Eva Blaser, sie bei der Stange zu halten.

Was macht gelungenes Vorlesen aus? «Die Geschichte ist wichtig, aber entscheidend ist das lebendige Vorlesen», sagt Eva Blaser. «Kinder lieben Tier- und Abenteuergeschichten. Es braucht ein wenig Action, aber nicht zu viel, sonst werden sie unruhig.»

Zeit sei ebenfalls ein Faktor. Denn es kommt nicht nur auf die Story an, sondern auch darauf, was zwischen Kind und Erwachsenem geschieht. Wenn der Bub oder das Mädchen sich an Mutter, Vater oder Grosseltern kuschelt, nachfragt und mitfiebert, kommt man sich so nahe wie selten.

Die Lesung ist zu Ende. Viele der Mütter besuchen mit ihren Kindern noch das Café, die Lesbar, in der Bibliothek. Sie gönnen sich einen Kaffee, die Kinder bekommen ein Muffin.

www.schweizervorlesetag.ch


Caramel steht zu sich selbst

Für wen? Kinder ab drei Jahren.

Worum geht es? Die Katze Caramel glaubt, sie sei eine kleine Maus. Und genau so verhält sie sich auch: Sie hat vor allen Angst. Deshalb ist sie ein leichtes Opfer und wird von anderen geplagt. Ausgerechnet eine Maus zeigt ihr dann, wer sie wirklich ist.

Was ist besonders gut? Kinder fasziniert die Geschichte von der Katze, die lernt, sich zu wehren. Es gibt wenig Text, was ideal ist für kleinere Zuhörer, und grosse Bilder, auf denen viele Details zu sehen sind. Besonderer Clou: Es handelt sich um Fotos, in die Bilder von den handelnden Tieren hineingezeichnet sind.

Milena Thurnherr/Gisela Sutter: «Caramel – Die Katze, die glaubte, sie sei eine kleine graue Maus», Bücher und Briefe – geschriebene Medizin, 29 Seiten.


Wie leben die Tiere bei uns?

Für wen? Kinder ab vier Jahren.

Worum geht es? Dieses Buch ist weniger klassische Vorleselektüre als vielmehr ein Mitmachbuch: Kinder können Vögel im Gartenbild suchen, Tiere ausschneiden und aufkleben und dem Maulwurf helfen, Würmer zu finden. Dazu gibt es kurze Texte mit Informationen.

Was ist besonders gut? Das Buch ist auf das gemeinsame Erlebnis ausgelegt. Um die Aufgaben zu lösen, brauchen kleinere Kinder die Hilfe von Erwachsenen. Es ist kurzweilig aufgemacht und enthält viele Anregungen, sodass es auch Mutter und Vater Spass bereitet, mitzuhelfen.

B. Oftring/S. Ernsten: «Braucht der Maulwurf eine Brille? – Entdecke die Welt der heimischen Tiere», Weltenfänger, mit Forscherbögen und Spiel, 48 Seiten.


Sagen aus der ganzen Schweiz

Für wen? Kinder ab sechs Jahren.

Worum geht es? Die Autorin Katja Alves hat 23 Schweizer Sagen gesammelt und erzählt sie neu. Die bekannteste ist die vom Teufel, der den Urnern half, eine Brücke über die Schöllenenschlucht zu bauen. Daneben gibt es aber auch viele weitgehend unentdeckte Geschichten. Illustrationen verschiedenster Künstler ergänzen die Texte.

Was ist besonders gut? Das Buch ist liebevoll gestaltet und macht sofort Lust aufs Lesen. Eine Schweizer Karte zeigt, aus welchem Kanton welche Geschichte kommt. So macht Geografieunterricht Spass.

Katja Alves: «Die Rache der schwarzen Katze – und andere Sagen aus der Schweiz», herausgegeben und neu erzählt, Nord-Süd-Verlag, 133 Seiten.


Ein Detektiv braucht Ferien

Für wen? Kinder ab acht Jahren.

Worum geht es? Flätscher ist ein Stinktier – und ein Detektiv. Doch nun muss er ausspannen. Sein Assistent, der Knabe Theo, nimmt ihn kurzerhand mit in die Landschulwoche. Doch dort wartet schon der nächste Fall.

Was ist besonders gut? Flätscher neigt dazu, sich zu überschätzen. Er bezeichnet sich gerne als «grössten Detektiv aller Zeiten», nur um kurz darauf einen kapitalen Fehler zu begehen. Seine Sprache ist gespickt mit coolen Ausdrücken wie «logissimo». Zusammen mit den cartoonhaften Zeichnungen ergibt das ein wunderbares Lesevergnügen.

Antje Szillat/Jan Birck: «Flätscher – Spuken verboten!», Flätscher-Band Nummer 5, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 141 Seiten.


Lotta erzählt aus ihrem Leben

Für wen? Kinder ab neun Jahren.

Worum geht es? Lotta schreibt und zeichnet Szenen aus ihrem Leben. Dieses Mal geht sie auf eine Sprachreise nach England. Zum Glück kommt ihre beste Freundin Cheyenne mit. Englisch lernen die beiden zwar kaum, aber viel über Freundschaft und darüber, wie man Wale rettet.

Was ist besonders gut? Dieses Buch kann man auch mit grösseren Kindern noch lesen. Es lebt von den witzigen Zeichnungen und Lottas flotten Sprüchen. Kinder werden sich besonders daran freuen, dass die Erwartungen der Erwachsenen stets unterlaufen werden.

Alice Pantermüller: «Mein Lotta-Leben – Wer den Wal hat», Band Nummer 15 der Lotta-Leben-Reihe, Arena-Verlag, 160 Seiten.


Ein Fussballstar im eigenen Haus

Für wen? Kinder ab neun Jahren.

Worum geht es? Tim ist Fussballfan. Auf dem Handy seines Vaters darf er jeden Tag eine halbe Stunde «Ball im Netz» spielen. Dabei kann man sich eine eigene Mannschaft zusammenstellen. Tim kauft für sein Team den Fussballstar Sergio Mavalli. Wenig später steht dieser in echt vor der Haustür.

Was ist besonders gut? Das Buch ist auch für Erwachsene spannend, die es ihren Kindern vorlesen, weil es die Absurditäten des Fussballgeschäfts aufs Korn nimmt. Dabei können wichtige Diskussionen über Wahrheit und Fairness entstehen.

Ocke Bandixen: «Der Wunderstürmer – Hilfe, ich habe einen Fussballstar gekauft!», mit Illustrationen von Pascal Nöldner, Loewe-Verlag, 205 Seiten.

Berner Zeitung

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