Tschüss Facebook, hallo Leben

Der 26-jährige Berner Autor Flurin Jecker schafft es mit seinem Debüt gleich zu einem renommierten Verlag. Im Jugendroman «Lanz» erzählt er stilsicher und berührend von der Suche nach einem Platz in der Welt.

Debütant: Flurin Jecker (26), Biologe, Velokurier, Lokaljournalist, Autor.

Debütant: Flurin Jecker (26), Biologe, Velokurier, Lokaljournalist, Autor.

(Bild: Janis Maus Marti / zvg)

Bis auf den Namen ist der 14-jährige Lanzelot ein ziemlich normaler Pubertierender. Er zockt, kifft, pendelt zwischen seinen ­Eltern, die immer das Falsche ­sagen, und er hat keine Ahnung, wie er Mädchen ansprechen soll. Zum Beispiel Schulschwarm Lynn, wegen dem er in der Projektwoche einen «scheiss Blog» schreiben muss.

Am zweiten Kurstag sitzt die Erhoffte da, ausgerechnet neben Lanz. «Sag einfach hallo, dachte ich. Hallo, ich bin Lanz, oder so. Sag Lanz. Bei Länz hat sie das Gefühl, du seist in der Sechsten. Und bei Lanzelot fragt sie dich, ob du in einer Burg wohnst. Und so ging das weiter, bis es läutete.» Jeder Mucks wird analysiert: «Ich sagte dann so im Satz ‹Hey› zurück, dann schrieb ich weiter. Und das ist dann schon sehr behindert. Ich meine, ich will ja unbedingt mit ihr reden, tue dann aber so, als würde sie mich einen Scheiss interessieren.»

Flucht aus der Projektwoche in die Natur

Lanz nutzt den Blog als Tagebuch. Aus den Einträgen zu den fünf Tagen der Projektwoche besteht der Roman «Lanz». Die eigensinnige schweizerhochdeutsche Jugendsprache und der auffällige Name waren die Ausgangspunkte des Projekts, wie der Autor Flurin Jecker erzählt. «Lanzelot» gefiel ihm, weil er in ihm Mitleid auslöste: «Dem Heldentum, das der Name suggeriert, kann der Junge ja unmöglich gerecht werden.» Die Geschichte habe sich dann beim Schreiben ergeben.

Hin- und hergerissen zwischen Kindheit und Jugend, Plüschtier und erstem Kuss, flüchtet Lanz in Schlüsselszenen zu einer Linde über dem stadtnahen Dorf oder ins idyllische Ferienexil zu Cousins in den Bündner Bergen. Trotz des jugendlichen Protagonisten richte sich das Buch eher an Erwachsene, sagt Flurin Jecker. «Es geht um das Gefühl, dazwischen zu sein.» Auch sein nächster Roman, an dem er schreibt, handle von der «Suche nach der Verbindung zum Leben».

«Lanz» ist Jeckers Abschlussarbeit am Literaturinstitut in Biel, das er nach einem Bachelor in Biologie von 2013 bis 2016 absolvierte. Ungewöhnlich schnell gelang dem 26-jährigen Berner, der als Lokaljournalist beim «Bund» und als Velokurier arbeitet, die Veröffentlichung.

Im Mai letzten Jahres war das Manuskript fertig, im Juni schickte es Jeckers Agentin herum, und im Juli unterschrieb er beim renommierten Nagel-&-Kimche-Verlag. Jecker erklärt, dass sein Text durch das Netzwerk der Schule bereits wahrgenommen worden war. Zudem gab es für den Verlag wenig zu ändern, wo bereits Mentoren und Mitstudierende gründlich lektoriert hatten.

Mehr als das nächste Game-Level

Mit dem authentischen Antihelden und der stilsicheren Sprache macht sich «Lanz» gut im Regal der Coming-of-Age-Geschichten neben «Tschick» oder «Der Fänger im Roggen», die ebenso auf politische Korrektheit und pädagogische Ansprüche pfeifen und gerade darum berühren.

Diese Bücher transportieren das Gefühl, dass das Leben ausser Noten und Pausenklingeln, dem nächsten Game-Level oder oberflächlichen Likes mehr hergeben muss. Sie motivieren, zu sagen (hier in Lynns Tonfall): «‹Tschüüüss› Facebook!»

«Lanz»:Nagel & Kimche, 128 Seiten. Vernissage: Naturhistorisches Museum Bern, 23. 2., 19.30 Uhr.

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